20. Dezember 2016

Compactus

- von Barbara van Benthem -

Manchmal fehlen sogar mir für längere Zeit die Worte. Zum Beispiel wenn der Vermieter eine Eigenbedarfskündigung ausspricht. Das ist immer schlimm, denn wer sucht schon gern nach der Stecknadel im Heuhaufen? Schlimm ist es erst recht, wenn man ein Antiquariat hat.

Nun gut, hellsichtige Wegbegleiter behaupten, wir hätten uns vor 16 Jahren auf Autographen spezialisiert, weil sie a) leicht zu lagern, b) leicht zu verpacken, c) leicht zu tragen sind. Der Buchantiquar ist entweder fit wie ein Turnschuh oder die größte Risikogruppe für Bandscheibenvorfälle, Plattfüße, Knieoperationen und Wirbelsäulendeformationen. So eine Bananenkiste wiegt eben. Und viele Bananenkisten wiegen noch mehr. Da klemmt sich ein(e) Autographenhändler(in) mal schnell einen oder zwei Ordner mit Bladeln (bayrisch für: Blätter, hochdeutsch: Manuskripte) unter den Arm, und fertig ist, zum Beispiel, die Vorbereitung einer Antiquariatsmesse. Wenn da nicht die Handbibliothek wäre.

Manche Kollegen sagen ja, man braucht sie nicht mehr. Die gute alte Handbibliothek. Steht doch alles im Internet. Warum die ohnehin deformierte Wirbelsäule bewegen, ans Regal gehen und nachschlagen, wenn man browsen und copy-and-pasten kann? Aber Bücher sind doch so schön, und Nachschlagewerke sind noch viel schöner. Darüber hinaus kann eine Brockhaus-Enzyklopädie, vertikal geschichtet, als Blumensockel oder Cocktailtisch dienen, Einzelbände der MGG machen sich trefflich als Türstopper. Und so eine Goethe-Gesamtausgabe über dem Türstock wirkt einfach … mächtig. Also haben wir mindestens 600 große Umzugskartons gepackt, was ohne die Hilfe eines unersetzlichen Freundes nicht zu schaffen gewesen wäre. Nun wartet die geleerte Compactus-Anlage auf Abholung …


… während wir die neuen Büros in Betrieb nehmen und zur Aufbesserung der Kriegskasse eine (der Kunst des Kompositums sei Dank) WEIHNACHTSJAHRESENDSONDERANGEBOTSLISTE mit einmaligen SUPERFESTTAGSUMZUGSSPEZIALRABATTEN verschicken - nur für unsere Stammkunden, gültig bis zum 31. Dezember 2016.

Bis dahin hoffen wir, die strapazierte Wirbelsäule begradigt zu haben, und verbleiben mit den besten Wünschen für ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gutes, erfolgreiches, fröhliches neues Jahr 2017. Wer zuvor noch einen Blick auf die WEIHNACHTSJAHRESENDSONDERANGEBOTSLISTE mit einmaligen SUPERFESTTAGSUMZUGSSPEZIALRABATTEN riskieren möchte, findet selbige --> hier.



26. Juli 2016

"Ulysses" nichts dagegen – Ein neues Verzeichnis von Franz Schuberts Erstausgaben

- von Eberhard Köstler -

Der Umfang des „Ulysses“ ist nichts dagegen. Michael Raabs nahezu 1000 Seiten starkes Verzeichnis von Franz Schuberts Werken in Erst- und Frühdrucken ist eine kolossale Bereicherung und keinesfalls nur ein elegantes Spielzeug für bibliographische Nerds. Den Spezialisten schließt es eine lange als schmerzlich empfundene musikbibliographische Lücke. Für Debütanten bietet vor allem Raabs ausführliche und scharfsichtige Einführung in sein opus magnum ein (dringend notwendiges) Lehrbuch des Musikantiquariates. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben.



Noch 2004 musste Ernst Hilmar in seinem Schubert-Lexikon konstatieren: "Die Erstdrucke von Schuberts Werken sind ... noch nicht vollständig bzw. systematisch erfaßt und beschrieben worden." (1)  Denn obwohl der Nestor der Schubert-Quellenforschung Otto Erich Deutsch (1883-1967) bereits 1926 einen vielversprechenden musikbibliographischen Versuch vorgelegt hatte (2), führte er dessen Ansätze in seinem Werkverzeichnis (3)  nicht konsequent fort. In seinem Versuch hatte er 1926 festgestellt, wie wichtig die diplomatische Wiedergabe der Musiktitel  sei, und er hatte auf Plattennummern, Verlagsadressen, Preisangaben, Titelillustrationen, Textveränderungen etc. als Datierungshilfe hingewiesen. Sein Werkverzeichnis verzeichnet die Erst- und Frühdrucke jedoch nur in sehr verkürzter Form. Hier nun schließt sich die neue Bibliographie von Michael Raab an. Sie beschreibt die Erst- und Frühdrucke von Schuberts Werken erstmals aufgrund von Autopsie aller ihm greifbaren Exemplare mit ihren Unterscheidungsmerkmalen und geht den Erscheinungsdaten mit Hilfe zeitgenössischer Anzeigen und anderer Quellen auf den Grund.

"Print on demand" galt vor 20 Jahren als dernier cri unten den Verlagen: geringe Materialkosten und leichte Lagerhaltung sprachen dafür. Erfunden wurde POD allerdings von den Musikverlegern der Schubertzeit: sie zogen von den Platten ihrer Drucke nur so viele Exemplare ab, wie sie glaubten, auf Anhieb verkaufen zu können. Erst wenn diese vergriffen waren, druckte man - oft mit kleinen Korrekturen - nach; auch wenn die nachfolgenden Tranchen in der Druckqualität abnahmen. Das ist nur eine von vielen wichtigen Erkenntnissen, welche von Michael Raabs Schubert-Drucke-Verzeichnis von der Ahnung zur Gewissheit erhoben werden.



27. Juni 2016

Message in a bottle

- von Barbara van Benthem -

„Nächsten Sonntag nachmittag um halb 21 Uhr findet im Starnberger See ein Karpfenrennen statt, mit darauf folgendem Brillantfeuerwerk. Zwölf zehnpfündige dressierte Karpfen schwimmen mit Motorboot und Musikbegleitung von Starnberg nach Seeshaupt; während des Rennens ist der See für Fußgänger und Radfahrer gesperrt.“

Karl Valentin


Die Oberbayern sind eine Seefahrernation. Der Churfürstliche Leibschiffmeister der Starnberger Flotte Heinrich Zimmermann reiste als Matrose auf James Cooks „Discovery“ um die Welt. Sein bayrischer Kurfürst stach auf der 18.269 Gulden teuren, 500 Personen fassenden, von 110 Ruderern bewegten und 34 Musik- und Küchenschiffen eskortierten „Bucentaur“ in die Starnberger See. Thomas Mann wagte die Alleinbefahrung vor der Feldafinger Küste ohne Rock, Weste und Hosenträger, eine für ihn „an Wollust“ grenzende Erfahrung. Täglich um 15.26 Uhr tauchen die Tutzinger auf der „Südlichen Rundfahrt“ der Bayerischen Seenschifffahrt Richtung Voralpenkette in die unendlichen Weiten zwischen Ammerland und Seeshaupt hinab.

Und vor einigen Tagen wurde bei uns eine Flaschenpost an Land gespült.

Wir kamen gerade vom Schwimmen, als ein Kunde nicht nur eine Flasche Wein, sondern auch ein Papier brachte, mit dem weder er noch wir auf den ersten Blick etwas anfangen konnten. Einige Recherchen später war klar: Am 30. Oktober 1839 hatten sich 35 Schotten im kargen Zwischendeck der „Bengal Merchant“ ebenfalls auf eine Rundfahrt gen Süden begeben. Organisiert wurde diese von der New Zealand Company, deren Aufgabe es war, mit fünf Schiffen Siedler von Schottland nach Neuseeland zu bringen, das mit dem Vertrag von Waitangi am 6. Februar 1840 Britische Kolonie wurde. Als die „Bengal Merchant“ am 20. Februar 1840 in Port Nicholson anlegte, war der später Wellington Harbour genannte Ort noch ein verschlafenes Nest mit einer winzigen Spelunke, in der die schottischen Siedler die ersten Nächte in der neuen Heimat verbrachten. Dort schrieben sie wohl auch hungrig, müde, zerschlagen und vor allem zornig wegen der miserablen Verpflegung an Bord, für die sie schließlich viel Geld bezahlt hatten, einen Beschwerdebrief an “Samuel Ravens Esq. Secretary to the New Zealand Land Comp.”:


„A meatless diet“ … kaum Fleisch, Reis oder Brot, die Kekse ungenießbar, der Kaffee unauffindbar, die „pickles“ verdorben. Den Passagieren in den Kabinen schien es besser ergangen zu sein als denen, die „steerage“, im Zwischendeck, gereist waren. Von den 30 Ehepaaren, 23 Männern, 6 Frauen, 20 Kindern und 13 Babys (eines war auf der Seereise geboren worden), unterschrieben 6 „steerage passengers“ den Beschwerdebrief, weitere 29 Unterzeichner – Farmer, Gärtner, Schneider, Kerzenmacher, Tischler, Bäcker, Maler, Kaufleute – wurden namentlich genannt:

http://www.autographen.org/index.php?id=2#extrablatt6

Noch heute können manche Neuseeländer die Herkunft ihrer Vorfahren bis zu den Passagierlisten der „Bengal Merchant“ zurückverfolgen. Einige von ihnen werden vor gut 175 Jahren diesen Brief unterschrieben haben, der eines Tages wie eine Flaschenpost per Zufall in unserem Antiquariat in Tutzing anlandete.

Die Welt ist klein für Autographenhändler. Vor allem, wenn der Starnberger See ausnahmsweise nicht wegen Karpfenrennens für Fußgänger und Radfahrer gesperrt ist.

> Ausführliche Beschreibung / English description


16. Juni 2016

Gött(er)innendämmerung

- von Barbara van Benthem -

Ganz klar, wir sind keine Wagnerianer. Vor die Wahl gestellt, in „Rheingold“ oder in ein Konzert von Michael Wollny zu gehen, würden wir uns für Letzteres entscheiden. Dennoch wagnert es momentan bei uns zu Hause. Es wagnert sogar beträchtlich. Und das kam so. 

Auf unseren Schreibtischen lagen Briefe von Gabriele D’Annunzio aus Gardone und  Cosima Wagner aus Bayreuth.   


Die Briefe, die Cosima Wagner 1876 im Vorfeld der ersten Bayreuther Festspiele an Rudolph von Liechtenstein (1838-1908) auf Schloss Neulengbach bei Wien schrieb, sind überbordend reich an Atmosphäre. „Seit zehn Tagen leben wir das absonderlichste Leben dass man sich vorstellen kann, ich möchte es schön finden, wenn die Kraft mir dazu geblieben wäre. Mit der erstaunlichsten Pünktlichkeit sind alle Mitwirkenden eingetroffen, und Probleme welche noch an dem Vorabend der Proben für unlösbar galten, sind in heiterem Enthusiasmus gelöst, wie z.b. das Schwimmende Singen der Rheintöchter, das Klettern des Alberich. Als die erste Arrangir-Probe der Rheinscene vorbei war, brach das zusehende Orchester in einem Jubel aus wie ich es noch nicht, von dem grössten Auditorium gehört. Unbeschreiblich klingt das Orchester, und der blosse Eintritt in das Theater wirkt so magisch, feierlich erhaben, dass wir alle sprachlos ergriffen davon waren.“ Man fiebert mit bei den Proben zu „Rheingold“. Was nehmen sich die kapriziösen Sopranistinnen nur heraus? Wo bleibt endlich die „Sarazenin“? Wie traurig, dass der 32. Sultan der Osmanen Abdülaziz sterben musste, kurz bevor der spendable Sponsor der „erneuerten Olympischen Spiele in Bayreuth“ deren feierliche Eröffnung miterleben konnte! Was tun gegen die Zahnschmerzen und den nervösen Katarrh des „Meisters“,  dem weltliche Musikagenten die „Walküre als Cassenstück“ entreißen wollen? Finanzielle Engpässe, Eintrittskarten, Gästelisten, Menupläne, das Heranwachsen der Kinder Blandine, Daniela, Isolde, Eva und Siegfried, deren Väter Hans von Bülow und/oder Richard Wagner waren, all das kommentiert Cosima ausführlich - aber auch ihre eigene Geschichte, das distanzierte Verhältnis zum Vater Franz Liszt und zur Mutter Marie d’Agoult in Paris, von deren Tod die Tochter erst zwei Tage später, am 7. März 1876, durch die Zeitung erfuhr, und über allem immer wieder „sein Wirken, sein Lebensziel“. Die in freundlich-resolutem Ton geschriebenen Briefe lassen keinen Zweifel: Wahnfrieds Genius war „der Meister“, seine Managerin war Cosima.


1. Juni 2016

Eberhard Köstler Autographen & Bücher

Zeit, dass wir uns vorstellen ...

"Wir" - das sind Barbara van Benthem und Eberhard Köstler aus Tutzing am Starnberger See. "Wir" sind Antiquare und spezialisiert auf Autographen, Manuskripte und Dokumente von historischem, künstlerischem und wissenschaftlichem Interesse.

In zehn bis zwölf meist monatlich erscheinenden Katalogen empfehlen wir eine Auswahl schöner, bedeutender und seltener Autographen. Besonderen Wert legen wir auf die ausführliche Beschreibung der angebotenen Objekte und die exakte Transkription der Handschriften. Darüber hinaus publizieren wir Sammlungskataloge und erstellen individuelle Angebote zu bestimmten Themen, Epochen oder historischen Persönlichkeiten. Privatsammler im In- und Ausland sowie zahlreiche Institutionen - Akademien, Archive, Bibliotheken, Museen - gehören zu unseren Kunden. Wir helfen bei der Komplettierung von Sammlungen und beraten beim Erwerb oder Verkauf wertvoller Einzelstücke, übernehmen Auktionsaufträge, fertigen Schätzungen und Gutachten an.

Live finden Sie uns auf den wichtigsten internationalen Antiquariatsmessen sowie jedes Jahr in Stuttgart und in Frankfurt. Virtuell sind wir unter www.autographs.de, per Newsletter in den Social Media und hier unterwegs.