27. Juni 2016

Message in a bottle

- von Barbara van Benthem -

„Nächsten Sonntag nachmittag um halb 21 Uhr findet im Starnberger See ein Karpfenrennen statt, mit darauf folgendem Brillantfeuerwerk. Zwölf zehnpfündige dressierte Karpfen schwimmen mit Motorboot und Musikbegleitung von Starnberg nach Seeshaupt; während des Rennens ist der See für Fußgänger und Radfahrer gesperrt.“

Karl Valentin


Die Oberbayern sind eine Seefahrernation. Der Churfürstliche Leibschiffmeister der Starnberger Flotte Heinrich Zimmermann reiste als Matrose auf James Cooks „Discovery“ um die Welt. Sein bayrischer Kurfürst stach auf der 18.269 Gulden teuren, 500 Personen fassenden, von 110 Ruderern bewegten und 34 Musik- und Küchenschiffen eskortierten „Bucentaur“ in die Starnberger See. Thomas Mann wagte die Alleinbefahrung vor der Feldafinger Küste ohne Rock, Weste und Hosenträger, eine für ihn „an Wollust“ grenzende Erfahrung. Täglich um 15.26 Uhr tauchen die Tutzinger auf der „Südlichen Rundfahrt“ der Bayerischen Seenschifffahrt Richtung Voralpenkette in die unendlichen Weiten zwischen Ammerland und Seeshaupt hinab.

Und vor einigen Tagen wurde bei uns eine Flaschenpost an Land gespült.

Wir kamen gerade vom Schwimmen, als ein Kunde nicht nur eine Flasche Wein, sondern auch ein Papier brachte, mit dem weder er noch wir auf den ersten Blick etwas anfangen konnten. Einige Recherchen später war klar: Am 30. Oktober 1839 hatten sich 35 Schotten im kargen Zwischendeck der „Bengal Merchant“ ebenfalls auf eine Rundfahrt gen Süden begeben. Organisiert wurde diese von der New Zealand Company, deren Aufgabe es war, mit fünf Schiffen Siedler von Schottland nach Neuseeland zu bringen, das mit dem Vertrag von Waitangi am 6. Februar 1840 Britische Kolonie wurde. Als die „Bengal Merchant“ am 20. Februar 1840 in Port Nicholson anlegte, war der später Wellington Harbour genannte Ort noch ein verschlafenes Nest mit einer winzigen Spelunke, in der die schottischen Siedler die ersten Nächte in der neuen Heimat verbrachten. Dort schrieben sie wohl auch hungrig, müde, zerschlagen und vor allem zornig wegen der miserablen Verpflegung an Bord, für die sie schließlich viel Geld bezahlt hatten, einen Beschwerdebrief an “Samuel Ravens Esq. Secretary to the New Zealand Land Comp.”:


„A meatless diet“ … kaum Fleisch, Reis oder Brot, die Kekse ungenießbar, der Kaffee unauffindbar, die „pickles“ verdorben. Den Passagieren in den Kabinen schien es besser ergangen zu sein als denen, die „steerage“, im Zwischendeck, gereist waren. Von den 30 Ehepaaren, 23 Männern, 6 Frauen, 20 Kindern und 13 Babys (eines war auf der Seereise geboren worden), unterschrieben 6 „steerage passengers“ den Beschwerdebrief, weitere 29 Unterzeichner – Farmer, Gärtner, Schneider, Kerzenmacher, Tischler, Bäcker, Maler, Kaufleute – wurden namentlich genannt:

http://www.autographen.org/index.php?id=2#extrablatt6

Noch heute können manche Neuseeländer die Herkunft ihrer Vorfahren bis zu den Passagierlisten der „Bengal Merchant“ zurückverfolgen. Einige von ihnen werden vor gut 175 Jahren diesen Brief unterschrieben haben, der eines Tages wie eine Flaschenpost per Zufall in unserem Antiquariat in Tutzing anlandete.

Die Welt ist klein für Autographenhändler. Vor allem, wenn der Starnberger See ausnahmsweise nicht wegen Karpfenrennens für Fußgänger und Radfahrer gesperrt ist.

> Ausführliche Beschreibung / English description


16. Juni 2016

Gött(er)innendämmerung

- von Barbara van Benthem -

Ganz klar, wir sind keine Wagnerianer. Vor die Wahl gestellt, in „Rheingold“ oder in ein Konzert von Michael Wollny zu gehen, würden wir uns für Letzteres entscheiden. Dennoch wagnert es momentan bei uns zu Hause. Es wagnert sogar beträchtlich. Und das kam so. 

Auf unseren Schreibtischen lagen Briefe von Gabriele D’Annunzio aus Gardone und  Cosima Wagner aus Bayreuth.   


Die Briefe, die Cosima Wagner 1876 im Vorfeld der ersten Bayreuther Festspiele an Rudolph von Liechtenstein (1838-1908) auf Schloss Neulengbach bei Wien schrieb, sind überbordend reich an Atmosphäre. „Seit zehn Tagen leben wir das absonderlichste Leben dass man sich vorstellen kann, ich möchte es schön finden, wenn die Kraft mir dazu geblieben wäre. Mit der erstaunlichsten Pünktlichkeit sind alle Mitwirkenden eingetroffen, und Probleme welche noch an dem Vorabend der Proben für unlösbar galten, sind in heiterem Enthusiasmus gelöst, wie z.b. das Schwimmende Singen der Rheintöchter, das Klettern des Alberich. Als die erste Arrangir-Probe der Rheinscene vorbei war, brach das zusehende Orchester in einem Jubel aus wie ich es noch nicht, von dem grössten Auditorium gehört. Unbeschreiblich klingt das Orchester, und der blosse Eintritt in das Theater wirkt so magisch, feierlich erhaben, dass wir alle sprachlos ergriffen davon waren.“ Man fiebert mit bei den Proben zu „Rheingold“. Was nehmen sich die kapriziösen Sopranistinnen nur heraus? Wo bleibt endlich die „Sarazenin“? Wie traurig, dass der 32. Sultan der Osmanen Abdülaziz sterben musste, kurz bevor der spendable Sponsor der „erneuerten Olympischen Spiele in Bayreuth“ deren feierliche Eröffnung miterleben konnte! Was tun gegen die Zahnschmerzen und den nervösen Katarrh des „Meisters“,  dem weltliche Musikagenten die „Walküre als Cassenstück“ entreißen wollen? Finanzielle Engpässe, Eintrittskarten, Gästelisten, Menupläne, das Heranwachsen der Kinder Blandine, Daniela, Isolde, Eva und Siegfried, deren Väter Hans von Bülow und/oder Richard Wagner waren, all das kommentiert Cosima ausführlich - aber auch ihre eigene Geschichte, das distanzierte Verhältnis zum Vater Franz Liszt und zur Mutter Marie d’Agoult in Paris, von deren Tod die Tochter erst zwei Tage später, am 7. März 1876, durch die Zeitung erfuhr, und über allem immer wieder „sein Wirken, sein Lebensziel“. Die in freundlich-resolutem Ton geschriebenen Briefe lassen keinen Zweifel: Wahnfrieds Genius war „der Meister“, seine Managerin war Cosima.


1. Juni 2016

Eberhard Köstler Autographen & Bücher

Zeit, dass wir uns vorstellen ...

"Wir" - das sind Barbara van Benthem und Eberhard Köstler aus Tutzing am Starnberger See. "Wir" sind Antiquare und spezialisiert auf Autographen, Manuskripte und Dokumente von historischem, künstlerischem und wissenschaftlichem Interesse.

In zehn bis zwölf meist monatlich erscheinenden Katalogen empfehlen wir eine Auswahl schöner, bedeutender und seltener Autographen. Besonderen Wert legen wir auf die ausführliche Beschreibung der angebotenen Objekte und die exakte Transkription der Handschriften. Darüber hinaus publizieren wir Sammlungskataloge und erstellen individuelle Angebote zu bestimmten Themen, Epochen oder historischen Persönlichkeiten. Privatsammler im In- und Ausland sowie zahlreiche Institutionen - Akademien, Archive, Bibliotheken, Museen - gehören zu unseren Kunden. Wir helfen bei der Komplettierung von Sammlungen und beraten beim Erwerb oder Verkauf wertvoller Einzelstücke, übernehmen Auktionsaufträge, fertigen Schätzungen und Gutachten an.

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