20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018

23. Mai 2018

Die Welt von Gottfried Benn

- von Barbara van Benthem - 


Briefe sind etwas Besonderes. Sie offenbaren die Persönlichkeit ihres Schreibers, öffnen ein historisches Fenster in dessen Lebens-, Arbeits-, Gefühls- und Gedankenwelt. Wer wissen möchte, ob Hermann Hesse gute oder schlechte Laune hatte, lese seine Briefe. Kann man sie kaum entziffern, klagt Hesse über den mäßigen Zustand seiner Augen, lautet der Subtext: Man bittet von Besuchen und allen weiteren mitmenschlichen Zudringlichkeiten abzusehen. Die Briefe Thomas Manns werden in zunehmendem Alter leserlicher. Als ob er sich seiner Bedeutung für die Nachwelt mit wachsendem Ruhm bewusst wird, wechselt TM von der deutschen Kurrent- in die lateinische Schreibschrift, und lässt uns teilhaben am Dichteralltag.

Die Welt von Gottfried Benn zwischen „Sputnik“, „Erdumkreisung“ und „Cro Magnon“ erschließt sich in unserem neuen Katalog nicht nur über die Briefe und Manuskripte des Dichters, vielmehr sind es die Briefe von FreundInnen und Weggefährten, die überraschende Erinnerungen und Einschätzungen zu Leben, Werk und Umfeld – ja, auch zu den Frauen in seinem Leben – geben. Da wird Benns dritte Ehefrau Ilse vor der gemeinsamen Berliner Haustür wegretuschiert. „"Er litt entsetzlich unter der Dänin", berichtet Elsa Fleischmann-Fleming. Dorothee Hahn diagnostiziert Benns Annäherungsversuche als "weiblich-passiv-aesthetische Reizung und männlich-lyrisch-aktive Reaktion". Trug Benn eine Mitschuld am Selbstmord von Anni Bernstein? Was verband ihn mit Pia Ludwig? „Herr Oelze“ findet Benn-Gedichte, und Paul Lüth weiß: "diese Benn'sche Welt ist die Welt des Rauschgiftes“.

Ein brieflicher Kosmos tut sich auf, so wie man ihn heute wohl nur in Form kryptischer Kurznachrichten in einer WhatsApp-Gruppe finden würde. Möglich gemacht hat dies Marguerite Schlüter, Benns Lektorin und Verlegerin, Herausgeberin seiner Briefe und Briefwechsel, die Instanz in Sachen Gottfried Benn, der Carsten Pfeiffer ein Denkmal mit dem Nachwort zu unserem Katalog gesetzt hat.

Femme des lettres - Marguerite Schlüter 1928 bis 2018


Marguerite Valerie Schlüter, geboren am 23. April 1928, war eine in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte, wenn nicht gar einzigartige Persönlichkeit. In jungen Jahren vertrat sie als Mitglied der Hockey-Nationalmannschaft mehrfach die Bundesrepublik bei Länderspielen. Eine zweite Leidenschaft galt  der bildenden Kunst wie intensive Kontakte zu Künstlern sowie ihre bedeutende private Sammlung mit Werken von der  Antike bis zur zeitgenössischen Graphik von Arp, Masson,  Max Peiffer-Watenpuhl, Hans Purrmann, Emil Cimiotti u.a.  belegen. Ihre größte Leidenschaft aber galt der Literatur.  Entdeckt und gefördert hat ihr Talent Max Niedermayer.  Literaturhistorische Bedeutung gewann die mit Bestnote ausgebildete  Diplom-Bibliothekarin mit ihrem Eintritt in den  1945 von Niedermayer in Wiesbaden gegründeten Limes Verlag.  Dort avancierte sie seit 1949 schnell zur rechten Hand des  Verlegers, zur Prokuristin und alleinigen Lektorin Gottfried  Benns. Hatte der Limes Verlag in den ersten Nachkriegsjahren  wie viele andere Verlage zunächst „unkritische“ und im Sinne  der lizenzgebenden Besatzungsmächte politisch unbedenkliche  Autoren wie Goethe, Kant, Heine oder Wieland und wichtige  ausländische Autoren wie William Faulkner, John Steinbeck,  Virginia Woolf, Jean Giraudoux, Rimbaud und Jean Cocteau  verlegt, erschienen nun rasch auch Texte von Hermann Kesten,  Ernst Glaeser, Alfred Döblin, des jungen Hans Mayer, von  Stephan Hermlin und anderen. Seit 1949 wurde Gottfried Benn  zum Haus- und Hauptautor des Limes Verlages. Alle (Erst-)  Ausgaben der von Benn zwischen 1933 und 1945 geschriebenen,  aber unveröffentlichten Werke wurden von Marguerite  Schlüter lektoriert, viele Werk- und Auswahlausgaben, die  Briefwechsel Benns (erschienen bei Limes und später Klett-  Cotta) von ihr mitkonzipiert, kompiliert, redigiert oder herausgegeben.  Die Popularisierung und Verbreitung des Werkes  Gottfried Benns nach 1949 ist im Wesentlichen das Verdienst  des Verlegers Max Niedermayer und seiner Lektorin Marguerite  Schlüter, die nach dem Tode des Verlegers die Verantwortung  für den Verlag als geschäftsführende Gesellschafterin  und Verlegerin übernahm.

Viele wichtige Autorinnen und Autoren trugen unter der  Ägide Marguerite Schlüters zur Profilbildung des Limes Verlages  als eines der führenden Verlage für junge deutsche und  fremdsprachige Literatur bei. So unterschiedliche Autoren wie  Hans Arp, Max Bense, Ludwig Harig, Samuel Beckett, Maude  Hutchins, Guillaume Apollinaire, Claire und Ivan Goll, Jorge  Luis Borges, Jean Cocteau, Rene Char , Ernesto Sabato,  Richard Huelsenbeck, W. H. Auden, Milan Kundera und  Ernst Meister gehören ebenso zum „Who is who“ des Limes  Verlages wie Peter Rühmkorf, Werner Riegel oder Cyrus Atabay,  die dort ihre Erstlingswerke veröffentlichten. Werke von  Carl Einstein und August Stramm wurden neu aufgelegt.  Besondere Verdienste erwarb sich der Limes Verlag um die  damals zeitgenössische amerikanische Literatur. Truman  Capote, den Marguerite Schlüter teilweise auch übersetzte, und  William S. Burroughs wurden zu Hausautoren des Verlages.  Autoren der Beat-Generation wie Allen Ginsberg oder  Lawrence Ferlinghetti wurden bei Limes entdeckt. Henry Miller  allerdings ließ sich Limes damals „durch die Lappen gehen“.  Man hatte nach den Erfahrungen mit W. S. Burroughs  große Sorgen wegen eines Vermarktungsverbotes durch die  „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“. Eine Anekdote,  die Marguerite Schlüter gerne erzählte.

Marguerite Schlüter war wahrlich das, was man eine femme  des lettres nennt – nicht nur eine hervorragende Lektorin  Benns, sondern ein literarisches „Trüffelschwein“, eine streitbare  Kämpferin für die Wahrung von Urheberrechten und eine  vielsprachige, hervorragende Übersetzerin aus dem Englischen,  Französischen und Italienischen. Dabei war sie nicht nur eine  Freundin der Literatur, sondern auch eine enge Freundin vieler  Literaten. Die langjährigen persönlichen (Brief-) Freundschaften  - oft rund um Benn - mit Claire Goll, Gustav René Hocke,  Albrecht Fabri, F.W. Oelze, Thea Sternheim, Ursula Haas,  Hans Egon Holthusen, nicht zuletzt mit Ilse Benn und Nele  Sörensen, der Witwe und der Tochter Gottfried Benns, belegen  dies eindrücklich.  Marguerite Schlüter ist am 7. Januar 2018 wenige Monate vor  Vollendung ihres 90. Lebensjahres friedlich verstorben. Sie ist  und bleibt untrennbar mit der bundesdeutschen Literatur- und  Verlagsgeschichte verbunden.

Die Welt von Gottfried Benn - Nachlass Marguerite Schlüter. Katalog 178. Tutzing, Mai 2018. 68 Seiten. 173 Nummern. Mit einem Nachwort von Carsten Pfeiffer.

Mehr dazu: www.autographs.de

12. April 2018

Katalog 177 - "Mondmeer in Fenstern"

- von Barbara van Benthem -


"Ich möchte einsame Ruhe haben", danach sehnt sich Else Lasker-Schüler, W.G. Sebald spielt "Indianer" mit Herbert Achternbusch, für Ödön von Horváth sind Stierkämpfe "das widerlichste, ekelerregendste, was ich jemals gesehen habe". Thomas Mann ist "mit der Musik auf gutem Fuße" und Richard Strauss schwelgt in "Urlaub und Faulheit". Zweifellos, sobald das Wetter sonniger wird, wünschen wir uns Müßiggang und schöne Autographen. Von Letzteren bietet unser neuer Katalog 177 eine ganze Reihe äußerst seltener und interessanter Schriftstücke, darunter Briefe und Widmungsexemplare von Marie Curie, dem "ollen Chef" Erich Kästner, Rainer Maria Rilke, Max Nordau, Knut Hamsun, Edvard Grieg, C. F. Gellert, Stefan Zweig, Walter Benjamin, darüber hinaus Goethes Todesanzeige und eine absolute Rarität: ein seltener eigenhändiger Brief Voltaires, der eine Luxusausgabe des "Zadig ou La Destinée" trüffelt, gebunden in einen Meistereinband von Charles Meunier für den Büchersammler Fréderic Raisin. Schöner geht's nicht.

"Mondmeer in Fenstern" - Schöne Autographen. Katalog 177. Tutzing, April 2018.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de

22. März 2018

Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony"

- von Barbara van Benthem -


Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony",  "unaufgelöste Dissonanzen", Freitod - "Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth’ an Blüthe", schreibt Freiligrath in seinem Gedichtmanuskript und liefert damit den roten Faden, der fast alle der 86 angebotenen Briefe und Gedichtmanuskripte von Kurt Weill, Franz Liszt, Rainer Maria Rilke, C. F. Gellert, Edvard Grieg, Knut Hamsun, Conradin Kreutzer, Arno Schmidt, Igor Strawinsky, Ludwig Tieck, Else Lasker-Schüler (ungedruckt), Stefan Zweig u.v.a. durchzieht, die in Katalog 175 angeboten werden. Das menschliche Leben - und Schreiben - steckt voller Tragiken. Wernher von Braun gedenkt fern der Heimat seiner Heimat, Hans von Bülow befürchtet, "als Invalide auftreten zu müssen, der den löbl. philharmonischen Leierkasten dreht", Otto Hahn bekennt "Frl. Meitner habe ich auch angepflaumt" und Gottfried Keller liefert den aktuellen Wetterbericht: "unbeständig, zeitweise windig und regnerisch". Trotz oder gerade wegen dieses brieflich angesammelten alltäglichen Wahnsinns wünschen wir Ihnen ein Frohes Osterfest, endlich einen Frühlingsanfang und eine vergnügliche Lektüre unseren neuen Kataloges:

"O Sternenfall" - Briefe, Bücher, Gedichtmanuskripte. Katalog 175. Tutzing, März 2018. 36 Seiten.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de.

18. Dezember 2017

Die Kunst des Kompositums

- von Barbara van Benthem -

Donnerstag ist ein besonderer Tag. Donnerstag ist Buchhaltungstag. Donnerstag kommt Irmi und bringt die Buchhaltungsordner in Ordnung. Nur so zeigt sich der Steuerberater bereit, die Umsatzzahlen an das Finanzamt weiterzureichen, was zumeist zu einer Steuernachzahlung führt, die einen erneuten Buchungsbeleg generiert, den Irmi an einem der nächsten Donnerstage mit allen anderen Belegen aufs Neue abheftet. Was interessiert das Finanzamt Starnberg III schon die Schönheit der Briefe und Manuskripte von Thomas Mann oder Marcel Proust, wo doch ein Bewirtungsbeleg aus der Tutzinger Filmtaverne auch ein durchaus anständiges, eigenhändig signiertes Schriftstück mit gedrucktem Briefkopf darstellt? Noch dazu vorsteuerabzugsfähig. In Deutschland muss alles seine Ordnung haben, weshalb sich Antiquare mindestens einmal pro Woche mit Umsatzsteuervorauszahlungen, Gewerbesteuerpauschalen, Differenzbesteuerungen und Sozialversicherungsabgaben herumschlagen.


Für diese fiskalen Kalamitäten gibt es etwas, worum uns die englischsprachige Welt glühend beneidet: das deutsche Kompositum. Von den Sprachgesellschaftern um Justus Georg Schottelius und Kaspar Stieler im 17. Jahrhundert zur Mehrung der „Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs“ erfunden, hat die bundesdeutsche Regulierungswut des 21. Jahrhunderts das Kompositum zur Perfektion pervertiert. Nur die deutsche Sprache besitzt Wortungetüme wie Kulturgutschutzgesetz, Reisekostenabrechnungspauschale oder die sogenannte „innergemeinschaftliche mehrwertsteuerfreie Lieferung“ samt „Umsatzsteueridentifikationsnummer“, wofür das Englische gerade einmal drei Buchstaben übrig hat: VAT. 

Bald ist wieder Donnerstag. Manchmal wünschte ich, die Welt wäre so einfach wie im Antiquariat von Bernard Black im fernen, fiktiven London (von der Gaststättenrichtlinienverordnung einmal abgesehen).


10. August 2017

Wenn’s um die Wurst geht

- von Barbara van Benthem - 


Über eine bekannte Angebotsplattform für antiquarische Bücher erreichte uns kürzlich eine Anfrage. Der Kunde interessierte sich für einen Brief von Ernst Barlach. Wie immer hatten wir den Text transkribiert, die historischen Hintergründe des Briefes ebenso wie die Vergleichspreise der letzten, sagen wir, 20 Jahre, gründlich recherchiert und den Brief samt Inhalt und Adressaten so ausführlich wie möglich (und nötig) beschrieben. Nun war ein Foto gewünscht. Natürlich kamen wir diesem Wunsch gern nach, denn auch wenn jedes Foto eines Unikates dieses Unikat dem Mainstream etwas näher bringt, ist es verständlich, dass niemand die Katze im Sack kaufen möchte. Auf unsere umgehende Beantwortung der Bildanfrage flatterte uns ein Angebot ins Haus:

Sehr geehrte Frau van Benthem,

herzlichen Dank. Ich habe mir den Brief angesehen und wäre durchaus an einem Erwerb interessiert, halte aber den Preis für deutlich überhöht. So ist beispielsweise bei Ketterer ein Brief Barlachs an den Freund Leo Kestenberg inkl. beigelegtem Druck und Schreiben von Friedrich Dross für 759,- Euro versteigert worden.

Der von Ihnen angebotene Brief ist dagegen nicht nur deutlich kürzer, sondern auch relativ unpersönlich (ohne namentliche Anrede) an einen Geschäftspartner gerichtet. Ich könnte mir daher einen Betrag von maximal 500,- Euro als Kaufpreis (inklusive versichertem Versand) vorstellen. Falls dies für Sie von Interesse ist, lassen Sie es mich gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen aus XX


Unseren Barlach-Brief bieten wir nach reiflicher Überlegung für 1500 Euro an und halten diesen Preis keinesfalls für überzogen. Im Gegenteil. Noch bevor ich ob solcher Unverschämtheit schon frühmorgens an die Decke ging, ging mein Mann ins Büro, blätterte seine Recherchen durch und antwortete folgendermaßen:

Sehr geehrter Herr XX,

herzlichen Dank. Ich halte Ihr Angebot für deutlich unterschätzt. So ist beispielweise bei Stargardt (2011, Star 697, 514) ein Brief Ernst Barlachs an den Maler Hans Ralfs in der Heilanstalt Neustadt, Holstein (Güstrow 20.XII.1930, 2 S.) für 4800,- CHF versteigert worden. Ich könnte mir daher einen Betrag von mindestens 4000.- Euro als Kaufpreis (inklusive versichertem Versand) vorstellen. Falls dies für Sie von Interesse ist, lassen Sie es mich gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen vom Starnberger See


Man könnte nun des längeren und breiteren über die Unterschiede zwischen Auktions- und Antiquariatspreisen räsonieren. Man könnte in Rechnung stellen, dass der Ketterer-Preis aus dem Jahr 2003 stammt, also 14 Jahre alt ist, während der Stargardt-Preis aus dem Jahr 2011 näher an die Gegenwart heranreicht. Man könnte den Zuschlagspreisen Aufgelder und Mehrwertsteuern hinzurechnen, wodurch man bei 18 oder mehr Prozent Aufgeld und 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Autographen (7 Prozent bei Büchern) schon in andere Regionen vordringt. Man kann die in einer Auktion suggerierte sensationelle Einmaligkeit des punktuellen Angebotes in Betracht ziehen, ganz ähnlich wie auf dem durch die Republik tourenden Hamburger Fischmarkt, auf dem Fisch Fiete immer noch einen drauf tut, „und noch einen! Und noch einen!“. Wir können auch ganz einfach nur darauf verweisen, dass eben manchmal per Zufall im selben Auktionssaal zwei oder mehrere Interessenten sitzen, die sich gegenseitig hochbieten, und manchmal per Zufall gar niemand der avisierten Interessenten erscheint und ein zufällig Glücklicher, der aus einem ganz anderen Kaufinteresse im Saal sitzt, mit einer glücklichen Zuckung in letzter Sekunde die Hand hebt und den Barlach, wie bei Ketterer, vor dem einsamen Rückgang in die Magazine rettet. Man könnte es aber auch lassen.

Wenn ich jetzt gleich Bratwürstchen für unseren Grillabend hole, werde ich nicht wie üblich „Servus und Grüß Gott“ sagen, sondern ich werde ein Angebot unterbreiten:

Liebe Frau Vogerl,

Ich habe mir ihr Angebot in der Wursttheke angesehen und wäre durchaus an einem Erwerb ausgewählter Stücke interessiert, halte aber den Preis für deutlich überhöht. So ist beispielsweise bei Aldi kürzlich ein fränkischer Bratwurstverschnitt inkl. beigelegter Zusatzstoffliste für 2,98 Euro verkauft worden.

Die von Ihnen angebotene Bratwurst ist dagegen nicht nur deutlich kürzer, sondern auch weniger reichhaltig (ohne namentliche Zusatzstoffe). Ich könnte mir daher einen Betrag von maximal 1,25 Euro als Kaufpreis (inklusive Einkaufstüte) vorstellen. Falls dies für Sie von Interesse ist, lassen Sie es mich gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen aus Tutzing, Ihre
Barbara van Benthem


Mal schauen, was sie sagt.

(Foto: Nevine Marchiset)

23. Mai 2017

Hans Schneider (1921-2017), Bayer und Sir: Sein Leben war die Musik und das Buch

- von Eberhard Köstler - 

Niemand hat in den letzten sechzig Jahren das deutsche Musikantiquariat so sehr verkörpert wie Hans Schneider. Man hat ihn für sein segensreiches Wirken mit Orden und Ehrentiteln überhäuft. Nun ist er - am 9. April 2017 - im Alter von 96 Jahren gestorben.


Im kleinen Ort Tutzing am Starnberger See hat er mit Blick über die südliche Seehälfte und auf die Alpenkette sein Geschäft mit Beharrlichkeit, profunder Kenntnis und Fingerspitzengefühl zum Erfolg geführt. Die gesamte musikwissenschaftliche und musikbibliothekarische Welt pilgerte zu ihm auf das in Tutzing so genannte „Schneider-Bergl“, dem Sitz eines der bedeutendsten Musikantiquariate der Welt.

Der von seinen Mitarbeitern liebevoll "Ha-Es" genannte Dr. Hans Schneider wurde am 23. Februar 1921 in Eichstätt geboren und gründete im Oktober 1949 nach Studien in München, Innsbruck und Uppsala am Starnberger See sein Musikantiquariat, dem er durch überragendes Wissen und kaufmännisches Geschick Weltgeltung verlieh. Die wichtigsten Musikautographen und Notendrucke gingen durch seine Hände, darunter Haydns "Lerchen"-Quartett, Mozarts Klaviervariationen KV 455, das Klarinetten-Konzert in Es von Carl Maria von Weber, der vollständige Text von Wagners „Lohengrin“ sowie zahlreiche Manuskripte und Briefe von Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Chopin, Liszt, Mendelssohn-Bartholdy, Reger, Schubert, Schumann, Verdi und vielen anderen. Auch ganze Bibliotheken hat Hans Schneider vermittelt. So gelangte etwa die Sammlung des berühmten Haydn-Forschers Anthony van Hoboken (1887-1983) über ihn in die Österreichische Nationalbibliothek. Über 480 Antiquariatskataloge, die von Sammlern und Wissenschaftlern als erstrangige Informationsquelle geschätzt werden, geben von dieser Tätigkeit Kunde.

Ein Hauptinteresse Schneiders war lebenslänglich die Musikbibliographie. Ein Grundsatz seiner Arbeit war, dass kein Musikdruck undatiert das Haus verlassen dürfe. Schon sein Kollege Jürgen Voerster stellte vor Jahren fest, Schneider habe "mehr Musikdrucke datiert und bibliografisch erfasst als die gesamte Fachwissenschaft".

Im Jahre 1958 ergänzte Hans Schneider sein Antiquariat durch einen  musikwissenschaftlichen Verlag, in dem er rund 1300 Monographien, Standardwerke und Zeitschriften publizierte. Dieses enorme verlegerische Schaffen, das der Antiquar sozusagen „im Nebenberuf“ bewältigte, wurde 2003 von H. Holzbauer in einem vierbändigen Katalog der Universitätsbibliothek Eichstätt gewürdigt und erschlossen. Aber auch als Musikforscher trat Hans Schneider hervor, mit bahnbrechenden Arbeiten über die Musikverlage von Heinrich Philipp Boßler (1744-1812), Johann Michael Götz (1740-1810) und Makarius Falter (1762-1843).

Zu Wien, der europäischen Hauptstadt der Musik, hatte Hans Schneider ganz besondere Bindungen. Die Österreichische Nationalbibliothek hat er ebenso mit seinen Schätzen bereichert wie das Archiv der "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien". Der Direktor dieses Archivs und langjährige Wegbegleiter Otto Biba hat in einer Gedenksendung des Klassik Radios Hans Schneider als "Antiquarius und Verleger ohnegleichen" anhand von ausgewählten Erwerbungen porträtiert und seine vielfältige Persönlichkeit sehr treffend als „Kombination aus Bayer und Sir“ charakterisiert.

Die Reihe seiner Verdienste (die Bundesrepubliken Deutschland und Österreich sowie Bayern verliehen ihm Verdienstorden, die Universität Eichstätt das Ehrendoktorat, die Gemeinde Tutzing die Ehrenbürgerschaft, zahllose Gesellschaften und Vereine Ehrenmitgliedschaften) wäre nicht komplett, ließe man den von skurrilen Einfällen und Wortspielen überbordenden, reich sprudelnden Humor Hans Schneiders außer Acht. Von Zeit und Zeit brach dieser sich in fingierten Antiquariatskatalogen Bahn, die zum Beispiel einer  "Musikbibliothek des Luxusdampfers Bremen" gewidmet waren.  So findet sich auch in seinem Nachlass ein graphischer Zyklus von Wolpertinger-Darstellungen, dessen künstlerischer Höhepunkt ein entzückender "Lebe Wol Pertinger" ist.

Nun  ist Hans Schneiders Lebensmusik ausgeklungen,  sein Lebensbuch ist geschlossen und wir sagen ein letztes Mal: "Lebe wohl, Hans Schneider".