24. September 2018

Kleider machen Autographen

"Während seines Aufenthalts in Hiddensee schrieb Hauptmann an seinen Berliner Schneider und bat ihn, zwei bestellte Anzüge bis zu einem bestimmten Termin zur Anprobe fertig zu machen. Der biedere Handwerksmeister antwortete nicht. Hauptmann, in Sorge, der Brief möchte verlorengegangen sein, schrieb ein zweites Mal und liess, als der Schneider immer noch nichts von sich hören liess, noch ein drittes Schreiben vom Stapel. Auf der Rückreise betrat er mit etlichen Zornesfalten auf der Stirn das Atelier Meister Zwirns, schlug auf den Tisch und begehrte zu wissen, weshalb man seine wiederholten Anfragen nicht einmal einer Antwort für wert halte. Der Schneider senkte verlegen den Kopf:

'Je öfter Sie mir schreiben, um so besser. Andere Leute sammeln Briefmarken', sagte er, 'und ich sammle Ihre Briefe. Es ist alles zur Anprobe bereit, aber sehen Sie: An Ihren Briefen verdiene ich weit mehr als an den beiden Anzügen!'"



Karl Rauch, Heiteres aus der Welt des Buches. Stuttgart undZürich 1962, S. 44.

24. Juli 2018

Analoge Autographen - online bestellen

- von Barbara van Benthem -



Über 5000 seltene Briefe und Manuskripte berühmter Persönlichkeiten sowie zahlreiche preiswerte Sonderangebote, ab sofort in unserem ONLINE-SHOP.

Wir danken dem Weltanschauungsobjekt, der Grille und vor allem Karsten Gnettner und dem Trio Nautico für die wunderbare Musik zum Video.

20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018

23. Mai 2018

Die Welt von Gottfried Benn

- von Barbara van Benthem - 


Briefe sind etwas Besonderes. Sie offenbaren die Persönlichkeit ihres Schreibers, öffnen ein historisches Fenster in dessen Lebens-, Arbeits-, Gefühls- und Gedankenwelt. Wer wissen möchte, ob Hermann Hesse gute oder schlechte Laune hatte, lese seine Briefe. Kann man sie kaum entziffern, klagt Hesse über den mäßigen Zustand seiner Augen, lautet der Subtext: Man bittet von Besuchen und allen weiteren mitmenschlichen Zudringlichkeiten abzusehen. Die Briefe Thomas Manns werden in zunehmendem Alter leserlicher. Als ob er sich seiner Bedeutung für die Nachwelt mit wachsendem Ruhm bewusst wird, wechselt TM von der deutschen Kurrent- in die lateinische Schreibschrift, und lässt uns teilhaben am Dichteralltag.

Die Welt von Gottfried Benn zwischen „Sputnik“, „Erdumkreisung“ und „Cro Magnon“ erschließt sich in unserem neuen Katalog nicht nur über die Briefe und Manuskripte des Dichters, vielmehr sind es die Briefe von FreundInnen und Weggefährten, die überraschende Erinnerungen und Einschätzungen zu Leben, Werk und Umfeld – ja, auch zu den Frauen in seinem Leben – geben. Da wird Benns dritte Ehefrau Ilse vor der gemeinsamen Berliner Haustür wegretuschiert. „"Er litt entsetzlich unter der Dänin", berichtet Elsa Fleischmann-Fleming. Dorothee Hahn diagnostiziert Benns Annäherungsversuche als "weiblich-passiv-aesthetische Reizung und männlich-lyrisch-aktive Reaktion". Trug Benn eine Mitschuld am Selbstmord von Anni Bernstein? Was verband ihn mit Pia Ludwig? „Herr Oelze“ findet Benn-Gedichte, und Paul Lüth weiß: "diese Benn'sche Welt ist die Welt des Rauschgiftes“.

Ein brieflicher Kosmos tut sich auf, so wie man ihn heute wohl nur in Form kryptischer Kurznachrichten in einer WhatsApp-Gruppe finden würde. Möglich gemacht hat dies Marguerite Schlüter, Benns Lektorin und Verlegerin, Herausgeberin seiner Briefe und Briefwechsel, die Instanz in Sachen Gottfried Benn, der Carsten Pfeiffer ein Denkmal mit dem Nachwort zu unserem Katalog gesetzt hat.

Femme des lettres - Marguerite Schlüter 1928 bis 2018


Marguerite Valerie Schlüter, geboren am 23. April 1928, war eine in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte, wenn nicht gar einzigartige Persönlichkeit. In jungen Jahren vertrat sie als Mitglied der Hockey-Nationalmannschaft mehrfach die Bundesrepublik bei Länderspielen. Eine zweite Leidenschaft galt  der bildenden Kunst wie intensive Kontakte zu Künstlern sowie ihre bedeutende private Sammlung mit Werken von der  Antike bis zur zeitgenössischen Graphik von Arp, Masson,  Max Peiffer-Watenpuhl, Hans Purrmann, Emil Cimiotti u.a.  belegen. Ihre größte Leidenschaft aber galt der Literatur.  Entdeckt und gefördert hat ihr Talent Max Niedermayer.  Literaturhistorische Bedeutung gewann die mit Bestnote ausgebildete  Diplom-Bibliothekarin mit ihrem Eintritt in den  1945 von Niedermayer in Wiesbaden gegründeten Limes Verlag.  Dort avancierte sie seit 1949 schnell zur rechten Hand des  Verlegers, zur Prokuristin und alleinigen Lektorin Gottfried  Benns. Hatte der Limes Verlag in den ersten Nachkriegsjahren  wie viele andere Verlage zunächst „unkritische“ und im Sinne  der lizenzgebenden Besatzungsmächte politisch unbedenkliche  Autoren wie Goethe, Kant, Heine oder Wieland und wichtige  ausländische Autoren wie William Faulkner, John Steinbeck,  Virginia Woolf, Jean Giraudoux, Rimbaud und Jean Cocteau  verlegt, erschienen nun rasch auch Texte von Hermann Kesten,  Ernst Glaeser, Alfred Döblin, des jungen Hans Mayer, von  Stephan Hermlin und anderen. Seit 1949 wurde Gottfried Benn  zum Haus- und Hauptautor des Limes Verlages. Alle (Erst-)  Ausgaben der von Benn zwischen 1933 und 1945 geschriebenen,  aber unveröffentlichten Werke wurden von Marguerite  Schlüter lektoriert, viele Werk- und Auswahlausgaben, die  Briefwechsel Benns (erschienen bei Limes und später Klett-  Cotta) von ihr mitkonzipiert, kompiliert, redigiert oder herausgegeben.  Die Popularisierung und Verbreitung des Werkes  Gottfried Benns nach 1949 ist im Wesentlichen das Verdienst  des Verlegers Max Niedermayer und seiner Lektorin Marguerite  Schlüter, die nach dem Tode des Verlegers die Verantwortung  für den Verlag als geschäftsführende Gesellschafterin  und Verlegerin übernahm.

Viele wichtige Autorinnen und Autoren trugen unter der  Ägide Marguerite Schlüters zur Profilbildung des Limes Verlages  als eines der führenden Verlage für junge deutsche und  fremdsprachige Literatur bei. So unterschiedliche Autoren wie  Hans Arp, Max Bense, Ludwig Harig, Samuel Beckett, Maude  Hutchins, Guillaume Apollinaire, Claire und Ivan Goll, Jorge  Luis Borges, Jean Cocteau, Rene Char , Ernesto Sabato,  Richard Huelsenbeck, W. H. Auden, Milan Kundera und  Ernst Meister gehören ebenso zum „Who is who“ des Limes  Verlages wie Peter Rühmkorf, Werner Riegel oder Cyrus Atabay,  die dort ihre Erstlingswerke veröffentlichten. Werke von  Carl Einstein und August Stramm wurden neu aufgelegt.  Besondere Verdienste erwarb sich der Limes Verlag um die  damals zeitgenössische amerikanische Literatur. Truman  Capote, den Marguerite Schlüter teilweise auch übersetzte, und  William S. Burroughs wurden zu Hausautoren des Verlages.  Autoren der Beat-Generation wie Allen Ginsberg oder  Lawrence Ferlinghetti wurden bei Limes entdeckt. Henry Miller  allerdings ließ sich Limes damals „durch die Lappen gehen“.  Man hatte nach den Erfahrungen mit W. S. Burroughs  große Sorgen wegen eines Vermarktungsverbotes durch die  „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“. Eine Anekdote,  die Marguerite Schlüter gerne erzählte.

Marguerite Schlüter war wahrlich das, was man eine femme  des lettres nennt – nicht nur eine hervorragende Lektorin  Benns, sondern ein literarisches „Trüffelschwein“, eine streitbare  Kämpferin für die Wahrung von Urheberrechten und eine  vielsprachige, hervorragende Übersetzerin aus dem Englischen,  Französischen und Italienischen. Dabei war sie nicht nur eine  Freundin der Literatur, sondern auch eine enge Freundin vieler  Literaten. Die langjährigen persönlichen (Brief-) Freundschaften  - oft rund um Benn - mit Claire Goll, Gustav René Hocke,  Albrecht Fabri, F.W. Oelze, Thea Sternheim, Ursula Haas,  Hans Egon Holthusen, nicht zuletzt mit Ilse Benn und Nele  Sörensen, der Witwe und der Tochter Gottfried Benns, belegen  dies eindrücklich.  Marguerite Schlüter ist am 7. Januar 2018 wenige Monate vor  Vollendung ihres 90. Lebensjahres friedlich verstorben. Sie ist  und bleibt untrennbar mit der bundesdeutschen Literatur- und  Verlagsgeschichte verbunden.

Die Welt von Gottfried Benn - Nachlass Marguerite Schlüter. Katalog 178. Tutzing, Mai 2018. 68 Seiten. 173 Nummern. Mit einem Nachwort von Carsten Pfeiffer.

Mehr dazu: www.autographs.de

12. April 2018

Katalog 177 - "Mondmeer in Fenstern"

- von Barbara van Benthem -


"Ich möchte einsame Ruhe haben", danach sehnt sich Else Lasker-Schüler, W.G. Sebald spielt "Indianer" mit Herbert Achternbusch, für Ödön von Horváth sind Stierkämpfe "das widerlichste, ekelerregendste, was ich jemals gesehen habe". Thomas Mann ist "mit der Musik auf gutem Fuße" und Richard Strauss schwelgt in "Urlaub und Faulheit". Zweifellos, sobald das Wetter sonniger wird, wünschen wir uns Müßiggang und schöne Autographen. Von Letzteren bietet unser neuer Katalog 177 eine ganze Reihe äußerst seltener und interessanter Schriftstücke, darunter Briefe und Widmungsexemplare von Marie Curie, dem "ollen Chef" Erich Kästner, Rainer Maria Rilke, Max Nordau, Knut Hamsun, Edvard Grieg, C. F. Gellert, Stefan Zweig, Walter Benjamin, darüber hinaus Goethes Todesanzeige und eine absolute Rarität: ein seltener eigenhändiger Brief Voltaires, der eine Luxusausgabe des "Zadig ou La Destinée" trüffelt, gebunden in einen Meistereinband von Charles Meunier für den Büchersammler Fréderic Raisin. Schöner geht's nicht.

"Mondmeer in Fenstern" - Schöne Autographen. Katalog 177. Tutzing, April 2018.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de

22. März 2018

Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony"

- von Barbara van Benthem -


Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony",  "unaufgelöste Dissonanzen", Freitod - "Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth’ an Blüthe", schreibt Freiligrath in seinem Gedichtmanuskript und liefert damit den roten Faden, der fast alle der 86 angebotenen Briefe und Gedichtmanuskripte von Kurt Weill, Franz Liszt, Rainer Maria Rilke, C. F. Gellert, Edvard Grieg, Knut Hamsun, Conradin Kreutzer, Arno Schmidt, Igor Strawinsky, Ludwig Tieck, Else Lasker-Schüler (ungedruckt), Stefan Zweig u.v.a. durchzieht, die in Katalog 175 angeboten werden. Das menschliche Leben - und Schreiben - steckt voller Tragiken. Wernher von Braun gedenkt fern der Heimat seiner Heimat, Hans von Bülow befürchtet, "als Invalide auftreten zu müssen, der den löbl. philharmonischen Leierkasten dreht", Otto Hahn bekennt "Frl. Meitner habe ich auch angepflaumt" und Gottfried Keller liefert den aktuellen Wetterbericht: "unbeständig, zeitweise windig und regnerisch". Trotz oder gerade wegen dieses brieflich angesammelten alltäglichen Wahnsinns wünschen wir Ihnen ein Frohes Osterfest, endlich einen Frühlingsanfang und eine vergnügliche Lektüre unseren neuen Kataloges:

"O Sternenfall" - Briefe, Bücher, Gedichtmanuskripte. Katalog 175. Tutzing, März 2018. 36 Seiten.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de.

18. Dezember 2017

Die Kunst des Kompositums

- von Barbara van Benthem -

Donnerstag ist ein besonderer Tag. Donnerstag ist Buchhaltungstag. Donnerstag kommt Irmi und bringt die Buchhaltungsordner in Ordnung. Nur so zeigt sich der Steuerberater bereit, die Umsatzzahlen an das Finanzamt weiterzureichen, was zumeist zu einer Steuernachzahlung führt, die einen erneuten Buchungsbeleg generiert, den Irmi an einem der nächsten Donnerstage mit allen anderen Belegen aufs Neue abheftet. Was interessiert das Finanzamt Starnberg III schon die Schönheit der Briefe und Manuskripte von Thomas Mann oder Marcel Proust, wo doch ein Bewirtungsbeleg aus der Tutzinger Filmtaverne auch ein durchaus anständiges, eigenhändig signiertes Schriftstück mit gedrucktem Briefkopf darstellt? Noch dazu vorsteuerabzugsfähig. In Deutschland muss alles seine Ordnung haben, weshalb sich Antiquare mindestens einmal pro Woche mit Umsatzsteuervorauszahlungen, Gewerbesteuerpauschalen, Differenzbesteuerungen und Sozialversicherungsabgaben herumschlagen.


Für diese fiskalen Kalamitäten gibt es etwas, worum uns die englischsprachige Welt glühend beneidet: das deutsche Kompositum. Von den Sprachgesellschaftern um Justus Georg Schottelius und Kaspar Stieler im 17. Jahrhundert zur Mehrung der „Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs“ erfunden, hat die bundesdeutsche Regulierungswut des 21. Jahrhunderts das Kompositum zur Perfektion pervertiert. Nur die deutsche Sprache besitzt Wortungetüme wie Kulturgutschutzgesetz, Reisekostenabrechnungspauschale oder die sogenannte „innergemeinschaftliche mehrwertsteuerfreie Lieferung“ samt „Umsatzsteueridentifikationsnummer“, wofür das Englische gerade einmal drei Buchstaben übrig hat: VAT. 

Bald ist wieder Donnerstag. Manchmal wünschte ich, die Welt wäre so einfach wie im Antiquariat von Bernard Black im fernen, fiktiven London (von der Gaststättenrichtlinienverordnung einmal abgesehen).