20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018