23. April 2019

Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?

- Eduard Fischer von Röslerstamm -


Staub in den Regalen – wie romantisch. Bücherfreunde träumen davon, in einem kleinen verstaubten Antiquariat ganz unten in einem großen verstaubten Bücherstapel in der hinterletzten verstaubten Ecke ein wertvolles Buch zu entdecken und darin  möglicherweise eine Widmung von Goethe, einen handschriftlichen Brief von Martin Luther, oder zumindest ein paar in Vergessenheit geratene Euro-Scheine, die irgendjemand darin vor dem Finanzamt verborgen hat. Antiquare leben mit dem Staub, sie unternehmen zumindest nichts gegen ihn. Dabei warnten schon die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts: Bücherstaub gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Autographensammler Eduard Fischer von Röslerstamm, geboren 1848 in Wien und Herausgeber der „Mittheilungen für Autographensammler“, wusste, wovon er sprach. Er besaß mehr als 15.000 Briefe und Manuskripte und war ein Vorbild für die damals „jungen“ Sammler wie Stefan Zweig und Eugen Wolbe. Im Jahr 1900 untersuchte Fischer von Röslerstamm in der “Zeitschrift für Bücherfreunde” anhand einer empirischen Analyse die Lebenserwartung von Sammlern, Bibliothekaren und Antiquaren untersuchte und stellte dabei die entscheidende Frage: „Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?“ 

Wenn man diese Frage einem Arzte vorlegen wollte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, dass er sie bejahend beantworten würde, und man kann sich ausmalen, mit wie viel Aufwand von Gelehrsamkeit entwickelt werden würde, dass der Staub der Bibliotheken sich aus so und so vielen schädlichen Substanzen zusammensetze, wenn nicht gar noch ein Bücherbazillus dadurch ans Licht gebracht werden dürfte. Und doch ist meines Wissens in keinem der langatmigen Fragebogen, welche die Lebens-Versicherungs-Gesellschaften ihren Klienten vorlegen, die Frage enthalten: ob sich der zu Versichernde besonders eifrig mit Büchern beschäftige, wodurch etwa eine den Bibliothekaren z. B. die Aufnahme erschwerende „Gefahr des Berufs“ konstruiert werden könnte.

Weder Arzt noch Lebensversicherungs-Statistiker, bin ich durch meine Beschäftigung mit Autographen darauf gekommen, in der Zeitschrift für Bücherfreunde auch einmal von den Bücherfreunden zu sprechen. Als ich unlängst zahlreiche Briefe von Bibliothekaren, Bibliographen, Verlegern in meine Sammlung einordnete, überraschte es mich, dass jede einzelne Persönlichkeit, mit der ich mich gerade beschäftigte, ein Lebensalter über Siebzig oder in die Achtziger hinein erreicht hatte. Diese zufällige Beobachtung reizte mich dazu an, eingehendere Nachforschungen anzustellen. Aus dem Zettelkataloge meiner Autographensammlung und aus Hilfsbüchern stellte ich die Lebensdaten von 222 Bibliographen und Bibliothekaren zusammen und fand, dass dieser Kategorie ein Durchschnittsalter von nahe an 69 Jahren zukommt. - Von Verlegern standen mir nicht so viele Daten zu Gebote, denn nicht nur von den Ältesten, die Verleger und Drucker zugleich waren, sondern auch von den späteren Buchhändlern, bis in unser Jahrhundert herab, wissen die biographischen Lexika häufig nur das Sterbejahr, aber nicht das Geburtsjahr anzuführen. Immerhin konnte ich mir auch aus diesem Kreise 105 Namen notieren; und mit dieser Zahl in die Summe der Jahre, die die Einzelnen erreicht hatten, dividiert: gab wieder 69 und noch einen Bruchteil darüber. Weitere Nachforschungen nach dem Durchschnitts-Lebensalter auch der Antiquarbuchhändler hätten mir vermutlich nicht allzuviel genützt, da ich nur wenig Material hätte auftreiben können. Es bedarf aber wohl keines statistischen Nachweises, um uns darüber zu versichern, dass die Antiquare inmitten ihrer alten Bücher selbst alt zu werden pflegen.

Ich bemerke, dass ich jedes nur aufstossende Datum sammelte, dass bei den obigen Ziffern also nicht nur Deutsche - diese sind freilich stärker vertreten - sondern auch andere Nationen berücksichtigt worden sind. Die französischen Bibliothekare und Bibliographen, für sich allein betrachtet, würden etwas unter dem Durchschnitt bleiben; die italienischen dagegen würden ihn erheblich übersteigen.

Dass das Landleben die Menschen nicht alt werden lässt, ist längst erwiesen; den wenigen Hundert- und über Hundertjährigen, welche die ländliche Bevölkerung aufweist, stehen ja so viele Bauern gegenüber, die eines frühen Todes sterben, weil sie sich bei der anstrengenden Feldarbeit, oder Förster, die sich bei einem Pirschgange oder bei einer Inspizierung der Holzarbeiter erkältet haben. Im allgemeinen gilt sogar, dass die Städter etwas länger leben als die Landbewohner, dass eben die bemittelten, gebildeten Stände in der Stadt es auf ein erheblich höheres Alter bringen als die den Unbilden und Schwankungen der Witterung mehr sich aussetzenden Einwohner des flachen Landes.

Unter den besser situierten Städtern zeichnen sich wieder besonders die Gelehrten durch Langlebigkeit aus. Die Statistiken wissen dies schon lange, - ich konnte mir aber bei ihnen keinen Rat holen, da sie gewiss nicht die Kategorien „Bibliographen“, „Bibliothekare“ unterscheiden, sondern, wenn sie nicht nur nach Gymnasiallehrern, Universitätsprofessoren, Privatgelehrten und dgl. klassifizieren, sondern auch Unterabteilungen, wie „Historiker“, „Philologen“ etc. aufstellen, die hauptsächlich mit Büchern beschäftigten Menschen ihrer Spezialwissenschaft, besonders den zwei genannten Disziplinen, zuweisen, und von Bibliophilen erst recht nichts wissen, da sie nur Berufe, aber nicht Liebhabereien verzeichnen. So musste ich denn, um meine den Büchern zugedachte Lebenserhaltungskraft nachzuweisen, mich noch überzeugen, ob nicht den Gelehrten überhaupt dasselbe Durchschnittsalter zukäme, wie den Bibliothekaren etc. Ich nahm mir zu diesem Zwecke in dem sehr handlichen Lexikon von Beeck (das leider keine neue Auflage erlebt hat), da ich doch nicht das ganze Alphabet durcharbeiten konnte, den Buchstaben „M“ vor, der mir bei allen Nationen ziemlich gleichmässig vertreten zu sein scheint, und zog die Gelehrten heraus. Meine Methode ist gewiss kaum über alle Anfechtungen erhaben, aber obwohl wenig Material vorhanden war, ergaben sich doch Resultate, die meine allerdings vorgefasste Meinung glänzend bestätigten.

Unter den ca. 230 Persönlichkeiten mit dem Buchstaben „M“ - Verschiedene, die sich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet haben, mussten doppelt oder mehrfach gezählt werden - wurden von mir 13 (ausschliesslich oder zugleich mit anderen Fächern) der Bibliotheks-Branche resp. den Bibliographen zugezählt; für sie ergiebt sich ein Durchschnittsalter von 74 Jahren. - Nun beachtet die Stufenreihe! Den reinen Büchermenschen mit einem Durchschnittsalter von 74 stehen am nächsten die Litterarhistoriker mit 71 Jahren, welche etwa 40 Prozent der Bibliothekare und Bibliographen liefern. Nächst ihnen rangieren die Philologen im engeren Sinne, die etwa 30 Prozent stellen, mit 69 Jahren; und um so tiefer, als das von mir ermittelte Durchschnittsalter der verschiedenen Gelehrten sinkt, desto geringer wird ihre Beteiligung an den rein bibliothekarischen und bibliographischen Arbeiten und desto weniger sind die einzelnen Fachgelehrten darauf angewiesen, die vorhandene Litteratur für ihre wissenschaftliche Arbeit zu benützen.

Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Büchern und der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen einen fördernden Einfluss auf die Lebensdauer zuzuschreiben. Die geregelte Lebensweise des viel über seinen Büchern Sitzenden, die Gemütsruhe, die in seiner Brust waltet, das Abgelenktsein von Störungen von ausserhalb, von Aufregungen, welche die Politik mit sich bringt: das Alles verlängert den .Bücherfreunden das Leben; aber dass den Büchern und dem Bibliothekenstaub eine absolut schädliche Wirkung auf die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen nicht nachgewiesen werden kann, dürfte aus meiner Statistik denn doch wohl hervorgehen.

Die Buchhändler resp. Verleger mit anderen kaufmännischen oder industriellen Unternehmern auf ihr Durchschnittsalter zu vergleichen, ist unmöglich, da die grossen Kaufleute und Industriellen - von Krämern und Handwerkern von vornherein abgesehen - in den biographischen Lexicis zu dünn gesäet sind; doch ist es wohl auch nicht nötig. Unsere reichen Handels- und Fabrikherrn, die sich pflegen können und die geschicktesten Ärzte und die heilkräftigsten Bäder zur Verfügung haben, um ihre wankende Gesundheit zu befestigen, stellen gewiss auch ein stattliches Kontingent zu der Zahl der Langlebigen, welche die Städte begünstigter erscheinen lassen dem Lande gegenüber. Aber die Leipziger Buchhändlerbörse bringt ihren Interessenten keine Aufregungen und Beängstigungen, wie die Schwankungen ihrer Namenskolleginnen auf dem Fonds- und Effekten-, auf dem Getreide- und Eisenmarkt deren Affilierten bereiten; und deshalb ist es gewiss kein Zufall, dass ich bei Denjenigen, die sich mit „zu lesenden“ Büchern beschäftigen, beinahe dasselbe hohe Durchschnittsalter antraf als bei Denjenigen konstatiert werden konnte, die „schon gelesene“ Bücher oder wenigstens solche, die schon längst hätten gelesen werden können, gewöhnlich in Händen haben.

Ich will noch anführen, dass ich meine aus dem Buchstaben „M“ genommenen Resultate in einem Falle, der die exakten Wissenschaften betrifft, übergreifen zu sollen glaubte. Da die einzigen zwei Neunziger, die Beeck unter den mit „M“ anfangenden Gelehrtennamen anführt, beide Astronomen sind (J. J. de Mairan und Cl. L. Mathieu), glaubte ich zu einer zu hohen Durchschnittsziffer für diese Kategorie gelangt zu sein. Ich schaffte mir deshalb aus dem Buchstaben B bei Beeck ein dreifach grösseres „Beobachtungsmaterial“, und in der That wurde das Durchschnittsalter der Astronomen, Mathematiker, Physiker, Chemiker nunmehr von 67 auf 66 Jahre herabgedrückt, was dem Verhältnisse, das zwischen diesen Gelehrten und alten Büchern besteht, besser entsprechen dürfte. Wenn es unter den Lesern dieses Aufsatzes besonders aufmerksame giebt, die sich mit mir darüber gewundert haben, dass die exakten Wissenschaften so hoch rangierten, so erfahren sie jetzt, an welcher Zufälligkeit das gelegen hat.

Natürlich verhehle ich mir durchaus nicht, dass meine Zahlen keinen „absoluten“ Wert besitzen, da in die biographischen Lexika und in die Autographensammlungen hauptsächlich diejenigen eindringen, welche lang genug lebten, um in ihrem Fache sich einen Namen zu erringen; da ferner weiter zu beachten ist, dass die eigentlichen Wissenschaften oft schon jungen Männern den Lorbeerkranz reichen, der ihnen auch durch einen frühen Tod nicht mehr entrissen wird, während in der Bibliographie gewöhnlich nur Jahrzehnte mühevoller Forschung einen lohnenden Erfolg gewähren. Das könnte ja immerhin einen einseitigen Einfluss auf meine Zahlen ausgeübt haben, aber ich bemerke denn doch, dass die Lebensdaten von Bibliothekaren gewöhnlich nicht verzeichnet werden, wenn die Betreffenden sich nicht in einem wissenschaftlichen Fache ausgezeichnet haben. Ich habe diese Bibliothekare also auch bei ihren eigentlichen Disziplinen noch berücksichtigt und dadurch das Durchschnittsalter vieler Kategorien verstärkt. Andrerseits wurden unter den Bibliographen von mir doch auch manche verzeichnet, welchen keine lange Arbeitszeit - ich erinnere nur an Hain - vergönnt war. Als Amanuensis o. dgl. sterben aber gewiss nicht mehr junge Gelehrte, als der Tod auch beispielsweise unter den Privatdozenten dahinrafft. Also „relativen“ Wert haben meine Zahlen gewiss, und dieser wird ihnen von den Lesern nicht aberkannt werden. Und so nehme ich von ihnen Abschied mit dem Wunsche, dass die jungen Bücherfreunde recht alt und die alten noch älter werden mögen.


Erstmals erschienen in “Zeitschrift für Bücherfreunde” (1900).