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14. Mai 2020

Lohengrin und Der Fliegende Holländer


Wagner, Richard, Komponist (1813-1860). Eigenh. Brief mit U. "Rich. Wagner". Baden-Baden, 17. VIII. 1860. Kl.-4°. 3 Seiten. Mit eigenh. adressiertem Umschlag.

€ 9000,-

Ungedruckter, außerordentlich seltener, sehr ausführlicher und detailreicher Brief, kurz nach Wagners Rückkehr aus dem Exil, am Tag der Audienz bei Augusta von Preußen, die sich für ihn eingesetzt hatte. An Wagners "alten Dresdner Freund" (Glasenapp) Adolf Julius Rühlemann in Dresden, u. a. über die Partitur des "Fliegenden Holländers" und "Lohengrin":


"[...] In Darmstadt traf ich nämlich die Abmachung wegen des fliegenden Holländers. Seien Sie doch so gut, zu betreiben, dass baldmöglichst eine berichtigte Partitur des 'fliegenden Holländers' an die grossherzogl. Hoftheaterdirection in Darmstadt abgesandt werde. Die an Herrn Mehner zu erstattenden Copiekosten werde ich demselben sofort nach erhaltener Bemerkung anweisen. Das von mir eigenhändig eingerichtete Muster-Exemplar gehört mir [...]. Mit meinen Abmachungen mit Herrn H. Müller habe ich jedoch diesem ein Exemplar mit dieser Partitur zur Disposition zu überlassen: Somit möge dieses Exemplar als zu dessen Disposition stehend betrachtet werden. Ist sonst gar kein Exemplar mehr vorhanden? Jedes andre Exemplar würde nämlich als mein Eigenthum zu betrachten sein. - Bitten Sie doch auch Herrn Müller, der Zusendung der Partitur an die Darmstädter Intendanz zwei Exemplare des Klavierauszuges derselben Oper beizulegen, welche mit dem gewöhnlichen Rabatt der Musikhändler unter sich, also mit 4 Thaler per Exempl. berechnet werden möchten [...]. Herrn Km Rietz's Wünsche in bezug auf einige tempi des Lohengrin wüsste ich nicht füglich zu entsprechen: die bestimmteste Erfahrung hat mir gezeigt, dass denjenigen Dirigenten, der das richtige Tempo nicht schliesslich von selbst fühlt, dieser durch keinerlei Metronom auch beigebracht werden kann. Irrthum  ist hier zu leicht, und da, wo es um ein sehr feines mehr oder weniger ankommt, kann nichts entscheiden, als das eigene Gefühl. [...] Ueber den Character der mir wiederfahrenen Vergünstigung sind Sie nun wohl völllig aufgeklärt, und wissen, dass ich von der Sächsischen Regierung keinesweges amnestiert bin, sondern von ihr nur die Zusicherung erhalten habe, unter bestimmten Bedingungen gegen meinen Aufenthalt in den andren deutschen Bundesstaaten keine Schwierigkeiten erheben zu wollen. Damit ist an ein Wiedersehen in Dresden sobald wohl noch nicht zu denken [...]".

Am 22. Juli 1860 erfuhr Wagner vom sächsischen Gesandten in Paris von der am 15. Juli durch König Johann I. von Sachsen verfügten Teilamnestie, die Wagner zumindest den Aufenthalt in den nichtsächsischen Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes ermöglichte. Am 12. August, fünf Tage vor dem Verfassen des vorliegenden Briefes, "überschreitet Wagner erstmals seit 1849 die deutschen Grenzen und trifft in Bad Soden ein" (Gregor-Dellin). am 16. August besuchte er Darmstadt, worüber er hier berichtet, am 17. August wurde er in Baden-Baden von Augusta von Preußen empfangen, bei der erisch für deren Mithilfe an der Amnestie bedankt.  - Wagner vollendete die Urfassung seiner Oper "Der fliegende Holländer" 1841. Die Uraufführung fand am 2. Januar 1843 in Dresden statt, aber schon nach 4 Aufführungen wurde das Stück wieder vom Spielplan genommen. 1860 überarbeitete Wagner die Urfassung, insbesondere Ouvertüre und Schluss. - Der Komponist und Dirigent Julius Rietz (1812-1877) war ein vehementer Gegner der sogenannten 'Neudeutschen Schule' bzw. der 'Zukunftsmusik', die insbesondere von Richard Wagner und Franz Liszt vertreten wurde. Nach einer nicht sehr erfolgreichen Lohengrin-Aufführung 1854 in Leipzig trat Rietz von seinen dortigen Ämtern zurück und widmete sich nur noch dem Komponieren und der Herausgabe von Werken, u. a. von Mendelssohn und Mozart.

Vgl. WBV 2826 (listet Auktionen) und Amtmann 1411 (kennt den Brief nicht: "ergibt sich aus 1412"); zu Wagner und Rühlemann vgl. Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. III, S. 330; Martin Gregor-Dellin, Wagner Chronik, München 1972, S. 93.  (53088) 

---> Interesse?

16. Juni 2016

Gött(er)innendämmerung

- von Barbara van Benthem -

Ganz klar, wir sind keine Wagnerianer. Vor die Wahl gestellt, in „Rheingold“ oder in ein Konzert von Michael Wollny zu gehen, würden wir uns für Letzteres entscheiden. Dennoch wagnert es momentan bei uns zu Hause. Es wagnert sogar beträchtlich. Und das kam so. 

Auf unseren Schreibtischen lagen Briefe von Gabriele D’Annunzio aus Gardone und  Cosima Wagner aus Bayreuth.   


Die Briefe, die Cosima Wagner 1876 im Vorfeld der ersten Bayreuther Festspiele an Rudolph von Liechtenstein (1838-1908) auf Schloss Neulengbach bei Wien schrieb, sind überbordend reich an Atmosphäre. „Seit zehn Tagen leben wir das absonderlichste Leben dass man sich vorstellen kann, ich möchte es schön finden, wenn die Kraft mir dazu geblieben wäre. Mit der erstaunlichsten Pünktlichkeit sind alle Mitwirkenden eingetroffen, und Probleme welche noch an dem Vorabend der Proben für unlösbar galten, sind in heiterem Enthusiasmus gelöst, wie z.b. das Schwimmende Singen der Rheintöchter, das Klettern des Alberich. Als die erste Arrangir-Probe der Rheinscene vorbei war, brach das zusehende Orchester in einem Jubel aus wie ich es noch nicht, von dem grössten Auditorium gehört. Unbeschreiblich klingt das Orchester, und der blosse Eintritt in das Theater wirkt so magisch, feierlich erhaben, dass wir alle sprachlos ergriffen davon waren.“ Man fiebert mit bei den Proben zu „Rheingold“. Was nehmen sich die kapriziösen Sopranistinnen nur heraus? Wo bleibt endlich die „Sarazenin“? Wie traurig, dass der 32. Sultan der Osmanen Abdülaziz sterben musste, kurz bevor der spendable Sponsor der „erneuerten Olympischen Spiele in Bayreuth“ deren feierliche Eröffnung miterleben konnte! Was tun gegen die Zahnschmerzen und den nervösen Katarrh des „Meisters“,  dem weltliche Musikagenten die „Walküre als Cassenstück“ entreißen wollen? Finanzielle Engpässe, Eintrittskarten, Gästelisten, Menupläne, das Heranwachsen der Kinder Blandine, Daniela, Isolde, Eva und Siegfried, deren Väter Hans von Bülow und/oder Richard Wagner waren, all das kommentiert Cosima ausführlich - aber auch ihre eigene Geschichte, das distanzierte Verhältnis zum Vater Franz Liszt und zur Mutter Marie d’Agoult in Paris, von deren Tod die Tochter erst zwei Tage später, am 7. März 1876, durch die Zeitung erfuhr, und über allem immer wieder „sein Wirken, sein Lebensziel“. Die in freundlich-resolutem Ton geschriebenen Briefe lassen keinen Zweifel: Wahnfrieds Genius war „der Meister“, seine Managerin war Cosima.