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4. November 2020

Die Fährtenleser - 20 Jahre Eberhard Köstler Autographen & Bücher oHG

Ein Artikel von Sabine Bader in der Süddeutschen Zeitung:

Wer das schafft, kann sich glücklich schätzen: Den Eheleuten Barbara van Benthem und Eberhard Köstler ist es gelungen, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Die beiden Antiquare haben sich auf den Vertrieb von Autographen spezialisiert, also handgeschriebenen Briefen von bekannten Persönlichkeiten. In diesem Jahr können sie in Tutzing bereits ihr 20-jähriges Firmenbestehen feiern.

"Jedes Stück gibt es nur einmal, und sie alle geben Einblicke in die Persönlichkeit des Schreibers", sagt Köstler. Seine Frau veranschaulicht dies anhand eines Beispiels: "Man kann noch so viele Bücher über Bertolt Brecht und die Frauen lesen, bekommt man aber einen Brief von ihm an die dänische Schauspielerin Ruth Berlau in die Hand, kann man das, was man in der Biografie gelesen hat, nachvollziehen." Es sind die kleinen Einblicke ins Privatleben von Schriftstellern, Malern und Komponisten, die die Arbeit der Eheleute so spannend macht. Zwei Fährtenleser auf Entdeckungstour. "Man erlebt jeden Tag schöne Überraschungen", sagt die 57-Jährige.

Von Arbeit wollen die Eheleute im Zusammenhang mit ihrem Beruf ohnehin nicht sprechen. "Das ist doch gar keine Arbeit", protestiert der 63-jährige Köstler prompt. Ein Ankauf um 22 Uhr, das kann schon vorkommen. Und neulich haben sie glatt ein ganzes Wochenende darüber gefachsimpelt, ob Arnold Schönberg Minderwertigkeitsgefühle hatte oder nicht. Auf den Gedanken waren sie über Schönbergs Korrespondenz im Zusammenhang mit einem Konzert zu Ehren Albert Einsteins in der New Yorker Carnegie Hall gekommen.

Auf dem Klavierhocker im Esszimmer der Tutzinger Eheleute steht eine Schachtel. "Unbekannte Flugobjekte" nennen sie Kisten wie diese mit Briefen und Handschriften, deren Verfasser sie erst näher sichten müssen. Kartons dieser Art sind selten und stammen entweder aus Sammlungsauflösungen, Nachlässen oder Archiven. Wenn man Glück hat, findet sich darin die ein oder andere spannende Rarität - wie hier zum Beispiel ein Brief von Cosima Wagner. Im Normalfall kaufen Köstler und van Benthem aber sehr gezielt ein - meist zum Weiterverkauf, teilweise fungieren sie aber auch als Vermittler.
 
Seit bald 20 Jahren tüfteln die beiden nun Arbeitszimmer an Arbeitszimmer in ihrem Tutzinger Privathaus und entziffern Handschriften, rekonstruieren Werdegänge, Hintergründe, Beziehungen und tauchen dabei ein in andere Leben. Da war zum Beispiel ein undatierter Brief von Bertolt Brecht an seinen Schulfreund, den deutsch-österreichischen Bühnenbildner Caspar Neher. Bei ihren Recherchen haben die Eheleute herausgefunden, dass dies der erste Brief Brechts nach seiner Rückkehr aus dem Exil nach Berlin war. "Unsere Kunden haben oft nicht so viel Zeit, um Buchstabe für Buchstabe zu entziffern", sagt Köstler.

Längst führen die beiden ihren Versandhandel gemeinsam. Ist der Inhalt eines Briefes erst einmal entschlüsselt, wird er für den Kunden aufbereitet und auf säurefreiem Papier ausführlich beschrieben. Dies alles ist trotz ihres Fachwissens nur möglich, weil die beiden Antiquare über eine umfangreiche Fachbibliothek verfügen - natürlich nicht daheim in ihrem Wohnhaus, sondern ein paar Straßen weiter, nahe der Tutzinger Kirche Sankt Joseph.

Wer jetzt meint, das Antiquariat besuchen zu können, der irrt. Es ist kein richtiges Ladengeschäft mit Öffnungszeiten, obwohl die Werke penibel sortiert und aufgereiht in den deckenhohen Regalen zum Schmökern einladen. Doch die rund 10 000 alphabetisch geordneten Bände dienen den Eheleuten ausschließlich als Nachschlagewerke für die Recherche. "Wir garantieren auch lebenslang für die Echtheit der Dokumente", sagt van Benthem. "Nichts verlässt unerforscht das Haus."
 
Die Eheleute nennen dies "veredeln". Es versteht sich von selbst, dass die beiden alle wertvollen Schriftstücke nicht bei sich im Haus lagern, sondern sicher im Banktresor aufbewahren. Ist ein Brief von Thomas Mann, Bertolt Brecht, Franz Liszt, Richard Wagner, Lyonel Feininger oder Joan Miró erst einmal veredelt, wird er mitsamt Beschreibung und Echtheitszertifikat fein säuberlich verpackt, und es geht auf die Post. Alle Bestellungen sind selbstverständlich versichert. Versandt wird weltweit, Vorkasse gibt es bei den beiden nicht. "Wir vertrauen unseren Kunden", sagen sie. In der Regel kennt man sich, entweder von Korrespondenzen und Telefonaten oder auch persönlich von Antiquariatsmessen in Stuttgart und Paris oder von Auktionen. "Mit manchen Kunden wird man gemeinsam alt", sagt Köstler. Vertrauen ist wichtig in diesem Geschäft. Schließlich geht es um stattliche Summen.

Wer ein besonders rares Stück erwerben möchte, muss schon einige 10 000 Euro hinblättern. Und das ist noch nicht einmal die oberste Preisklasse. Bei Mozart oder Bach kann es in die Millionen gehen. "Wir sind nicht im High-End-Bereich tätig", sagt Köstler. Aber auch ein handgeschriebenes Notenblatt von Richard Strauss ist für Sammler so interessant, dass es gleich verkauft ist. Zu den Käufern zählen nicht nur Stammkunden, manchmal fragen auch Kinder und Enkel an, für die Briefe von Eltern und Großeltern als Erinnerungsstücke von Bedeutung sind. Oder ein Kunstsinniger leistet sich als Geschenk für einen Freund eine handsignierte Autogrammkarte. Für Letztere muss man um die 50 Euro ausgeben.

Vielen Leuten sind sie noch ein Begriff, die hauchdünnen Seiten der "Merkhefte" des Verlags Zweitausendeins, in denen eine wilde Mischung aus Büchern, Platten, Plakaten und Buttons versammelt war. Längst haben sie Kultstatus erlangt. Wer einen der monatlichen Kataloge mit Briefen und Manuskripten der Tutzinger Antiquare in Händen hält, fühlt sich zumindest haptisch an sie erinnert. Die Kataloge enthalten Angebote für Kunden. Es gibt aber auch einen Online-Shop auf der Webseite und einen Newsletter.
 
Ja, und dann haben die beiden noch zwei Steckenpferde: Sie lieben Musik, vor allem Jazz - sie spielt Bass, er Saxofon, Flöte und auch mal Klavier. Die Spielfreude kann auch in einen kleinen Hausmusikabend zu zweit münden. "Natürlich nur mit geschlossenem Fenster", sagt die Hausherrin. Ob Pauline Schmidt, die Katze, es goutiert, ist offen ...

Veröffentlicht in der SZ vom 16. Oktober 2020 (Fotos: Georgine Treybal)    >>> WEITERLESEN 

14. Mai 2020

Lohengrin und Der Fliegende Holländer


Wagner, Richard, Komponist (1813-1860). Eigenh. Brief mit U. "Rich. Wagner". Baden-Baden, 17. VIII. 1860. Kl.-4°. 3 Seiten. Mit eigenh. adressiertem Umschlag.

€ 9000,-

Ungedruckter, außerordentlich seltener, sehr ausführlicher und detailreicher Brief, kurz nach Wagners Rückkehr aus dem Exil, am Tag der Audienz bei Augusta von Preußen, die sich für ihn eingesetzt hatte. An Wagners "alten Dresdner Freund" (Glasenapp) Adolf Julius Rühlemann in Dresden, u. a. über die Partitur des "Fliegenden Holländers" und "Lohengrin":


"[...] In Darmstadt traf ich nämlich die Abmachung wegen des fliegenden Holländers. Seien Sie doch so gut, zu betreiben, dass baldmöglichst eine berichtigte Partitur des 'fliegenden Holländers' an die grossherzogl. Hoftheaterdirection in Darmstadt abgesandt werde. Die an Herrn Mehner zu erstattenden Copiekosten werde ich demselben sofort nach erhaltener Bemerkung anweisen. Das von mir eigenhändig eingerichtete Muster-Exemplar gehört mir [...]. Mit meinen Abmachungen mit Herrn H. Müller habe ich jedoch diesem ein Exemplar mit dieser Partitur zur Disposition zu überlassen: Somit möge dieses Exemplar als zu dessen Disposition stehend betrachtet werden. Ist sonst gar kein Exemplar mehr vorhanden? Jedes andre Exemplar würde nämlich als mein Eigenthum zu betrachten sein. - Bitten Sie doch auch Herrn Müller, der Zusendung der Partitur an die Darmstädter Intendanz zwei Exemplare des Klavierauszuges derselben Oper beizulegen, welche mit dem gewöhnlichen Rabatt der Musikhändler unter sich, also mit 4 Thaler per Exempl. berechnet werden möchten [...]. Herrn Km Rietz's Wünsche in bezug auf einige tempi des Lohengrin wüsste ich nicht füglich zu entsprechen: die bestimmteste Erfahrung hat mir gezeigt, dass denjenigen Dirigenten, der das richtige Tempo nicht schliesslich von selbst fühlt, dieser durch keinerlei Metronom auch beigebracht werden kann. Irrthum  ist hier zu leicht, und da, wo es um ein sehr feines mehr oder weniger ankommt, kann nichts entscheiden, als das eigene Gefühl. [...] Ueber den Character der mir wiederfahrenen Vergünstigung sind Sie nun wohl völllig aufgeklärt, und wissen, dass ich von der Sächsischen Regierung keinesweges amnestiert bin, sondern von ihr nur die Zusicherung erhalten habe, unter bestimmten Bedingungen gegen meinen Aufenthalt in den andren deutschen Bundesstaaten keine Schwierigkeiten erheben zu wollen. Damit ist an ein Wiedersehen in Dresden sobald wohl noch nicht zu denken [...]".

Am 22. Juli 1860 erfuhr Wagner vom sächsischen Gesandten in Paris von der am 15. Juli durch König Johann I. von Sachsen verfügten Teilamnestie, die Wagner zumindest den Aufenthalt in den nichtsächsischen Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes ermöglichte. Am 12. August, fünf Tage vor dem Verfassen des vorliegenden Briefes, "überschreitet Wagner erstmals seit 1849 die deutschen Grenzen und trifft in Bad Soden ein" (Gregor-Dellin). am 16. August besuchte er Darmstadt, worüber er hier berichtet, am 17. August wurde er in Baden-Baden von Augusta von Preußen empfangen, bei der erisch für deren Mithilfe an der Amnestie bedankt.  - Wagner vollendete die Urfassung seiner Oper "Der fliegende Holländer" 1841. Die Uraufführung fand am 2. Januar 1843 in Dresden statt, aber schon nach 4 Aufführungen wurde das Stück wieder vom Spielplan genommen. 1860 überarbeitete Wagner die Urfassung, insbesondere Ouvertüre und Schluss. - Der Komponist und Dirigent Julius Rietz (1812-1877) war ein vehementer Gegner der sogenannten 'Neudeutschen Schule' bzw. der 'Zukunftsmusik', die insbesondere von Richard Wagner und Franz Liszt vertreten wurde. Nach einer nicht sehr erfolgreichen Lohengrin-Aufführung 1854 in Leipzig trat Rietz von seinen dortigen Ämtern zurück und widmete sich nur noch dem Komponieren und der Herausgabe von Werken, u. a. von Mendelssohn und Mozart.

Vgl. WBV 2826 (listet Auktionen) und Amtmann 1411 (kennt den Brief nicht: "ergibt sich aus 1412"); zu Wagner und Rühlemann vgl. Glasenapp, Das Leben Richard Wagners, Bd. III, S. 330; Martin Gregor-Dellin, Wagner Chronik, München 1972, S. 93.  (53088) 

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25. Februar 2020

Albert Einstein - Zwei Stühle und eine Weltformel


Einstein, Albert, Physiker und Nobelpreisträger (1879-1955). Eigenh. Brief mit U. "Papa". (Paris), 8. XI. 1929. 4°. 2 Seiten, auf einem Doppelblatt. In adressiertem Umschlag. 

15.000 €

Außerordentlich schöner und sehr inhaltsreicher Brief an seinen Sohn Albert in Dortmund, einen Tag vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Paris, wo er in einem Vortrag seine neuesten Forschungen zur "Weltformel" vorstellte:

"[...] Ich bin gerade in Paris, um den Dr. h.c. zu kriegen und ein paar Vorträge zu halten. Auf der Rückreise möchte ich mich, wenn irgend möglich, d.h. wenn ich nicht ganz kaput bin, mich bei Euch eine Nacht aufhalten. ich komme in diesem Falle am 14. XI. um 6h28 Abends in Dortmund an. Am 15. 9h10 kann ich dann wieder weiterfahren. Schreib mir Eure Adresse, die ich gerade nicht da haben hierher (Legation d'Allemagne Rue de Lille 78.) Vor der Hand zwei Dinge. 1) Der Patent-Altmeister Seligsohn fordert Dich auf ihn zu besuchen, wenn Du nach Berlin kommst. Dies ist wichtig, weil er die wirklichen und nicht nur die offziellen Wege kennt. 2) Wir hätten Stühle für Euch, die früher in unserer Züricher Wohnung waren. 2 oder so [... mit Zeichnung] etwa so aber etwas schlanker. Vielleicht erinnerst Du Dich. 3) Herr Prof. [Ludwig] Hopf an der technischen Hochschule in Aachen, der Dir einmal eine wunderbare Eisenbahn geschenkt hat, als Du klein warst, lässt Dich und Deine Frau bitten, ihn einmal dort zu besuchen. Ich weiss nicht, ob dies für Dein Teufels-Fahrzeug in Betracht kommt als Ausflug. Jetzt muss ich dann gleich aufs Trapez und im Inst. Poincaré über meine neue Theorie französisch vortragen. Es wird eine infernalische Strapaze sein. Und ich habe fast eine Woche solcher Art vor mir! [...]".


Einstein wurde am 9. November 1929 die Ehrendoktorwürde der Pariser Sorbonne verliehen. Schon im April 1929 hatte er seine hier erwähnte "neue Theorie" in einer Sitzung der Preussischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt. In Paris nun referierte er nochmals vor einem breiteren Publikum über seine "einheitliche Feldtheorie", die Suche nach der sog. "Weltformel", die Einsteins Forschen in den kommenden Jahren beherrschen sollte. 

Sein Sohn Hans Albert Einstein (1904-1973) stammt aus der ersten Ehe mit Mileva Maric (1875-1948). Wie sein Bruder Eduard litt er sehr unter der Trennung der Eltern (1914), nach der die Söhne bei der Mutter in Zürich blieben, während Einstein in Berlin lebte. Der Vater besuchte seine Söhne weiterhin, trotzdem galt deren Verhältnis zueinander lange als gestört, was sich aber im Laufe der Zeit besserte. Nach seinem Diplom der Ingenieurwissenschaften an der ETH Zürich 1926 arbeitete Hans Albert Einstein zunächst als Ingenieur für Stahlbau in Dortmund. 1927 heiratete er Frieda Knecht. Später ging er an die Universität nach Berkeley.  Ludwig Hopf (1884-1939) arbeitete als Assistent Albert Einsteins an der Universität Zürich. Da Hopf ein guter Pianist war, musizierten Einstein und Hopf häufig miteinander. Hopf beschäftigte sich mit der Psychoanalyse und war ein Schüler C. G. Jungs, den er auch mit Einstein bekannt machte. 1911 kam Hopf an die Technische Hochschule Aachen. Beim von Einstein erwähnten "Patent-Altmeister" handelt es sich wohl um den Juristen und Patentanwalt Julius Ludwig Seligsohn (1890-1942).  (52845)

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23. Oktober 2019

Münchener Tagung - Fair und gerecht? Restitution und Provenienz im Kunstmarkt

- Barbara van Benthem -

Am 14. Oktober 2019 trafen sich im Münchener Auktionshaus Karl & Faber über 120 Kunsthändler, Galeristen, Rechtsanwälte, Sammler und Antiquare, um das historisch und juristisch komplexe Thema der NS-Raubkunst aus Sicht der Marktakteure zu beleuchten. Ein Novum. Die Restitution von NS-Raubkunst wird in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Seit der Washingtoner Erklärung im Jahr 1998 und der Gemeinsamen Erklärung von 1999 machen spektakuläre Restitutionsfälle wie Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" (Sammlung Alfred Hess, restituiert 2006) oder Paul Klees "Sumpflegende" (Sammlung Sophie Lissitzky-Küppers, Vergleich 2017) von sich reden. Zudem haben Bund und Länder Maßnahmen ergriffen, etwa die Einrichtung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg und die seit 2001 bestehende Lost-Art-Datenbank, zuletzt das nach wie vor heftig umstrittene Kulturgutschutzgesetz. Welche Herausforderungen sich daraus für den Handel mit Gemälden, Graphiken, aber auch mit Büchern und Handschriften ergeben, tritt oftmals in den Hintergrund. Genau diese Fragen sind für den Kunst- und Antiquariatsmarkt von zentraler, gar existenzieller Bedeutung.

Umso wichtiger die Initiative der Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel (einem Aktionsbündnis u.a. des Bundesverbands Deutscher Kunstversteigerer und des Verbands Deutscher Antiquare),  erstmals eine Tagung unter dem Titel „Fair und gerecht? Restitution und Provenienz im Kunstmarkt“ zu veranstalten. Die Tagung war hochkarätig besetzt. Einzig die  Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters war weder erschienen, noch hatte sie einen Vertreter geschickt – für Prof. Dr. Michael Wolfssohn ein „niederschmetternder“ Befund. In seinem Einführungsvortrag plädierte Wolfssohn, dessen Familie selbst nach einem über 12-jährigen Prozess auf eine Restitution verzichtet hatte, für eine „Sichtbarmachung“ des begangenen Unrechts. Die den jüdischen Familien zwischen 1933 und 1945 verfolgungsbedingt entzogenen Kunstgegenstände trügen ein „Kainszeichen“, der Kunsthandel und die Öffentlichkeit seien verpflichtet, darauf hinzuweisen. „Recht reicht nicht“, sagte er, „Versöhnung“ sei wichtig.


Mangelnde Rechtssicherheit

Wie überaus schwierig, in vielen Fällen sogar unmöglich aber allein schon das Herstellen von Recht und Gerechtigkeit in Restitutionsfällen von NS-Raubkunst fast 75 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes sein kann, wurde in allen Vorträgen und Plenumsdiskussionen deutlich. Ein grundlegendes Problem ist die mangelnde Rechtssicherheit.  Daran kann auch die Washingtoner Erklärung nichts ändern, in der sich 44 Staaten, 12 nicht-staatliche Organisationen und der Vatikan freiwillig verpflichten, Kulturgut, das während der NS-Zeit beschlagnahmt, geraubt, verfolgungsbedingt entzogen wurde, ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben zu finden und eine faire und gerechte Lösung für eine Rückgabe oder Entschädigung zu erarbeiten. Als „Soft Law“ (Michael Eggert) fehle der Washingtoner Erklärung jegliche Rechtssicherheit. Es gebe keine juristisch verbindlichen Richtlinien, beklagte Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier, ehemals Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Vorsitzender der sog. Limbach-Kommission (Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut). Papier sieht die Bundesregierung in der Pflicht, durch ein maßvolles, alle Seiten berücksichtigendes Gesetz endlich Rechtssicherheit herzustellen. In der abschließenden Podiumsdiskussion waren die Zweifel unüberhörbar, dass sich der Bund in absehbarer Zeit dieser Aufgabe annehme. Wie sollte die Bundesrepublik, wie sollten die öffentlichen Institutionen als Rechtsnachfolger des NS-Staates im Falle eines Restitutionsgesetzes mit Entschädigungsforderungen umgehen? Was wäre, wenn ein solches Gesetz nicht nur die Entschädigung von NS-Raubkunst, sondern auch von verfolgungsbedingt entzogenen Immobilien oder Firmenbeteiligungen regeln würde? Man wolle den gesellschaftlichen Frieden wohl nicht riskieren, konstatierte Prof. Dr. Hans-Jürgen Hellwig in seinem streitbaren Vortrag über „Die Entwicklung seit den Washington Principles“.


Die Grenzen des Zumutbaren

Hans-Jürgen Hellwig fungierte als Berater beim Zustandekommen des Kulturgutschutzgesetzes und gilt mittlerweile als einer der schärfsten Kritiker. Das Gesetz sei mit „fake facts“ erarbeitet worden, denn es gebe zum Beispiel keine Belege dafür, dass Deutschland ein Umschlagplatz für Geldwäsche durch Antikenhändler sei. Die Gesetzgebung, so kritisierte er weiter, konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der damaligen Eigentümer von Gemälden, Graphiken und anderen Kulturgütern, ließe aber die Situation der heutigen Besitzer außer Acht, gebe also keinerlei sinnvolle Vorgaben für eine private Restitution von Raubkunst. Die heutigen Besitzer seien nur in den seltensten Fällen mit den Nachfahren der Täter identisch. Viele Kunstwerke seien vor Jahrzehnten gutgläubig von privaten Sammlern auf Auktionen oder im Handel erworben worden, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass es sich möglicherweise um NS-Raubkunst handele. Anders stelle sich die Situation bei Museen und Archiven dar, die zur NS-Zeit schon bestanden oder als Rechtsnachfolger gelten. In dieser Funktion hätten sie die Pflicht zur Restitution, zumindest aber zum Herbeiführen einer fairen und gerechten Lösung für alle Beteiligten im Sinne der Washingtoner Erklärung. Für Restitutionen von privater Hand müssten andere Regelungen gefunden werden.

Was ist fair und gerecht? Diese Frage ist nur zu klären durch eine sorgfältige Erforschung der Provenienz aller Objekte, betonten Dr. Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und Dr. Christian Fuhrmeister vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Weise ein Kunstwerk eine Provenienzlücke auf, stünde es unter Generalverdacht. Mit dem neuen Kulturgutschutzgesetz gelte für den Kunsthandel eine erweiterte Provenienzprüfungspflicht, erläuterte Hans-Jürgen Hellwig, was letztlich bedeute: Ein Händler könne ein Kunstwerk erst dann auf den Markt bringen, „wenn er zuvor bis zum wirtschaftlichen Ruin Provenienzforschung betrieben“ habe. Das sei, so Hellwig, „verfassungswidrig“. Prof. Dr. Peter Raue pflichtete bei: Wesentliche Aspekte des Kulturgutschutzgesetzes seien verfassungswidrig, und es wäre angebracht, dies in einem Evaluierungsprozess zu korrigieren. Provenienzforschung gehöre seit Jahrzehnten für jeden Händler zum Alltag, vor allem die größeren Auktionshäuser unterhielten eigene Abteilungen, die sich damit befassten, erklärten Dr. Rupert Keim von Auktionshaus Karl & Faber und Carl-Christof Gebhardt, ehemaliger Mitarbeiter bei Sotheby’s Deutschland. Aber wie viel Provenienzforschung ist wirtschaftlich machbar und zumutbar? Kunsthändler und Antiquare fühlen sich nicht nur in dieser Frage von der Bundesregierung weitgehend alleingelassen und mit teils unerfüllbaren Forderungen konfrontiert.


 Unzureichend – Lost Art-Datenbank

Umso schwerwiegender sei es, dass die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betriebene Lost-Art-Datenbank erhebliche Mängel aufweise. Kritik an der Datenbank, die seit 2001 Kulturgüter erfasst, die infolge der NS-Gewaltherrschaft und des Zweiten Weltkrieges geraubt, verbracht oder verlagert wurden, zog sich durch nahezu alle Vorträge des Tages. Die Daten seien zu allgemein und erlaubten keine exakte Identifizierung. Enthalten seien auch Kunstwerke, die schon vor 1930 rechtmäßig verkauft wurden. Für einen Eintrag in die Lost-Art-Datenbank seien unbelegte Behauptungen ausreichend, im Falle von unberechtigten Forderungen sei hingegen die Streichung eines Eintrags nahezu unmöglich. Umso fataler erscheinen diese Kritikpunkte angesichts der zentralen Rolle, die der Lost-Art-Datenbank bei der Entscheidung von Restitutionsfällen zukomme. Die Datenbank habe „Erpressungspotenzial“, hoben Carl-Christoph Gebhardt und Dr. Christoph Andreas von der Frankfurter Kunsthandlung J. P. Schneider hervor. Dr. Christina Berking, Sprecherin der IG Kunsthandel, brachte es auf den Punkt: Sammler würden vom Staat, von der Öffentlichkeit zur Restitution „gedrängt“, „Hauptdruckmittel“ dazu sei der Eintrag in der Lost-Art-Datenbank.


 Was nun?

Am Ende eines langen und an Erkenntnissen reichen Tages fasste Christina Berking die prekäre Lage des Kunstmarktes zusammen. Bisher gebe es keinerlei verbindliche Lösungsansätze für die Restitution von NS-Raubkunst aus privater Hand. Hier müssten andere Maßstäbe angelegt werden als bei der Restitution von Kunstwerken aus Museen und Archiven. In die Limbach-Kommission, die bisher nur über Fälle öffentlicher Restitution beraten habe, müssten endlich auch Sammler und Händler aufgenommen werden. Bund und Länder seien in der Pflicht, ein Restitutionsgesetz zu erarbeiten, das die Gegebenheiten des Kunstmarktes und den privaten Erwerb von Kunstwerken mitberücksichtige und ein Gesetz zur Entschädigung mit einschließe. Bislang fehle allerdings der politische Wille dazu: „Der Staat bekommt die von ihm gewollte Restitution quasi zum Nulltarif.“
Das zwänge die Akteure des Kunstmarktes, die sich der Washingtoner Erklärung ebenso verpflichtet sehen wie die öffentlichen Institutionen, zum Handeln auf rechtlich unklarer Basis und unter stetig wachsendem öffentlichem Druck. Dabei ist die Beweislast nur in wenigen Fällen eindeutig zu klären. In 11 Fällen kam es laut Dr. Rupert Keim im Auktionshaus Karl & Faber in den vergangenen Jahren zu einer Restitution, obwohl die Beweise in keinem der Fälle eindeutig waren. Wichtig gewesen sei die Wiedergutmachung, das Anerkennen des geschehenen Unrechtes und die Herstellung des Rechtsfriedens.

Was brauchen die Nachfahren der Opfer und rechtmäßigen Eigentümer, was brauchen die heutigen Besitzer? Wie können beide an einen Tisch gebracht und wie kann für beide eine faire und gerechte Lösung gefunden werden? Der Handel habe in dieser drängenden Problematik eine wichtige, vermittelnde Funktion. Werde er in seiner Suche nach Lösungen weiterhin vom Staat allein gelassen, seien die Grenzen des Zumutbaren bald erreicht. Fair und gerecht – das gelte in jeglicher Hinsicht, für alle Beteiligten. „Wir haben heute keine Lösung gefunden, aber viele Lösungen diskutiert“, resümierte Christina Berking. Die Münchener Tagung war ein starkes, klares Signal des Kunsthandels, sich der Verantwortung der Geschichte gegenüber zu stellen und die daraus resultierenden Probleme gemeinsam in Angriff zu nehmen. Das lässt hoffen für die Zukunft.



>> Veröffentlicht auf der Website des Verbands Deutscher Antiquare e.V. (www.antiquare.de); in Englisch auf der Website der International League of Antiquarian Booksellers (www//ILAB//org)

8. Oktober 2019

Chopins Lehrer – Wer war Joseph Elsner?


Elsner, Joseph, Komponist (1769-1854). Eigenh. Brief mit U. Warschau, 12. III. 1823. 4°. 1 Seite. An den Ecken auf ein Trägerblatt montiert.

€ 2800,-

Von allergrößter Seltenheit! Kein weiteres Autograph von Elsner, dem Wegbereiter der polnischen Nationalbewegung, Entdecker, Lehrer und Förderer Frédéric Chopins ist uns bekannt. Empfehlungsschreiben für den polnischen Komponisten und Dirigent Karol Kurpinski (1785-1857) für eine Parisreise, wahrscheinlich an den ehemaligen Hofkapellmeister Napoleons, Jean Francois Le Sueur (1760-1837) gerichtet:

"Monsieur! Le porteur de ces lignes est Charles Kurpinski mon College, et Artiste Compositeur à grands talens. Daignez d'accorder à lui la même bienvielliance, avec laquelle, javois eu le bonheur d'avoir été reçue par Vous pendant mon Séjour à Paris l'an 1808. Je profite de son dèpart, de Vous repèter encore mes sentimens de la plus vive reconnoissance, dont mon coeur réstera pénétré à jamais, et de Vous prier de vouloir bien agréer l'assurance de la plus haute consideration, que l'on doit a vos grands mérites, et de la veneration intime - que je dois moi a votre personne toujours si chêre a ma mémoire, avec laquelle j['ai] l'honneur d'être Monsieur votre très humble et très obeissant Serviteur Joseph Elsner | Chevalier de l'ordre de S: Stanislaw e Recteur du Conservatoire de Musique." Darunter Zusatz von fremder Hand: "elsner | directeur de l'opéra membre de la société litteraire de Varsovie."


Elsner war seit 1799 Dirigent, später musikalischer Leiter des Warschauer Nationaltheaters und gründete im ministeriellen Auftrag in Warschau eine Schule für Musik und Gesang, aus der 1821 das Konservatorium hervorging. Er verfasste 46 Opern, Instrumental- und Kammermusik. Elsner hatte bereits 1804/05 zusammen mit E. T. A. Hoffmann in Warschau eine musikalische Gesellschaft gegründet. Als Lehrer und Vertrauter nimmt er eine besondere Rolle in der Biografie Chopins ein. Elsner beriet ihn vor allem in jungen Jahren bei ersten großen kompositorischen Schritten. Chopin nahm seit 1822 Privatunterricht in Musiktheorie und Komposition bei Joseph Elsner und konsultierte ihn bis zu seinem Abschluss 1829. - Karol Kurpinski wirkte ab 1810 mit Elsner am Warschauer Nationaltheater und wurde dort 1824 sein Nachfolger.  (52469)

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18. September 2019

Der seltenste Erstdruck eines Werkes von Stefan Zweig - aus dem Besitz von Gisella Selden-Goth

 Zweig, Stefan (1881-1942). Schachnovelle. Buenos Aires, Janos Peter Kramer, 1942. 8°. 97 Seiten, 1 Blatt. Braunes Originalleinen mit Rücken- und Deckeltitel. 

€ 9000,- 

Die überaus seltene Erstausgabe, in der noch selteneren römisch nummerierten Variante: Nr. XLIV von 50 römisch nummerierten Exemplaren.

Die nicht bis ins letzte Detail geklärte Druckgeschichte der "Schachnovelle", Zweigs letztes Werk vor seinem Freitod, geht von zwei Varianten der Erstausgabe aus. 250 broschierte Exemplare erschienen 1942 im Verlag "Pigmalión Bs. Aires", 50 Exemplare erschienen in Leinen gebunden bei "Janos Peter Kramer Buenos Aires". Dementsprechend heißt es im Impressum der vorliegenden Ausgabe: "Fünfzig Exemplare in Leinen gebunden tragen die Nummern I-L, zweihundert fünfzig Exemplare auf Offset C Papier gedruckt tragen die Nummern 1 bis 250". Beide Drucke wurden vom selben Stehsatz gedruckt, nur die Verlagsangabe wurde verändert. Bei der Pigmalion Ausgabe findet sich auf Seite [6] der Vermerk "Copyright by Verlag Pigmalion 1942", der bei der Ausgabe Kramer fehlt. Als Druckdatum ist auf der letzten Seite [99]  bei beiden Ausgaben genannt: "Buenos Aires, am 7. Dezember 1942". Manche Experten glauben aber, die hier vorliegende Leinenausgabe sei sogar noch vor der broschierten ausgegeben worden. Zweig jedenfalls hatte noch kurz vor seinem Tod am 23. Februar 1942 vier Typoskriptabschriften an verschiedene Verleger versandt.

János Peter Kramer, 1904 in Nürnberg geboren, wanderte 1929 nach Buenos Aires aus, wo er ab 1932 als Buchhändler, Verleger und Galerist tätig wurde. Als Verleger gab er bibliophile Kleinstauflagen heraus. 1940 schloß er Bekanntschaft mit  Stefan und Lotte Zweig sowie deren Verleger Alfredo Cahn. - Die in nur 50 Exemplaren ausgegebene Leinenausgabe der berühmten "Schachnovelle" ist der seltenste Erstdruck eines Werkes von Stefan Zweig. In deutschen Bibliotheken findet sich von dieser Leinenausgabe bei Kramer nur ein einziges Exemplar (im Exilarchiv der DNB Frankfurt). - Exilarchiv 6849. Klawiter 187. Vgl. Elke Rehder, Anmerkungen zur Schachnovelle, in: Aus dem Antiquariat, Heft 6, 2014, S. 273-79.


Innendeckel mit (musikalischem) "Ex libris Gisella Selden-Goth". Die Musikschriftstellerin, Komponistin und Musikautographen-Sammlerin Gisella Selden-Goth (1884-1971) lernte Stefan Zweig bei den Salzburger Festspielen kennen. 1923-38 lebte sie in Florenz, danach in New York. Stefan Zweigs Briefe an sie veröffentlichte sie 1964 ("Unbekannte Briefe aus der Emigration an eine Freundin"). - Dieses Exemplar war zuletzt 1988 im Handel. - Nach unserem erfolgreichen Verkauf der Nr. II dieses überaus seltenen Werkes ist uns überraschenderweise das vorliegende Exemplar angeboten worden.  (52392)

15. Juli 2019

"Achtzehn Stck. vollwichtige Ducaten" - Auch ein Dichterfürst braucht Geld


Goethe, Johann Wolfang von, Schriftsteller (1749-1832). Brief mit eigenh. U. "JWvGoethe" (deutsche Schrift). Weimar, 24. VI. 1831. 8°. 1 Seite. Rechts unten Siegelrest. Mit Adresse. 

7500 Euro 

Johann Wolfgang von Goethe richtet eine dringende Bitte um Geld an den Bankier Julius Elkan (1777-1839) in Weimar: "Herr Banquier Elkan wird hiedurch höflichst ersucht, für Unterzeichneten | Achtzehn Stck. vollwichtige Ducaten gefällig zu besorgen und der unmittelbaren Erstattung des Werthes gewärtig zu seyn [...]".


Mit eigenhändiger Unterschrift Goethes. Den vorangehenden Text schrieb Goethes Sekretär Johann August Friedrich John (1794-1854), der von 1814 bis 1832 für den Dichter arbeitete. - Gedruckt wurde der Brief in: WA Bd. XLVIII, Nr. 229.

Erhältlich in unserer Autographenhandlung: bvb//autographs//de

2. Juli 2019

"wir müssen die Courage zusammen machen" - Die Geburtsstunde des Berliner Ensembles

"Wir müssen die Courage zusammen machen, schrieb Bertolt Brecht am 26. X. 1948 an seinen Freund und Weggefährten Caspar Neher. Es ist der erste bekannte Brief nach der Rückkehr aus der Emigration, verfasst nur vier Tage nach der Ankunft in Berlin, wo Brecht und Helene Weigel im Wirtschaftsgebäude des zerstörten Hotels Adlon logierten, und nur wenige Stunden nach dem entscheidenden Gespräch mit Wolfgang Langhoff über den Aufbau eines neuen "epischen" Theaters.


Brecht, Bertolt, Schriftsteller (1898-1956). Eigenh. Brief mit U. "b". [Berlin, 26. oder 27. X. 1948]. Kl.-4°. 3 Seiten. Doppelblatt.


4500 Euro

"Lieber Cas, so haben wir uns also doch versäumt! Ich wartete 1 Jahr auf meine Papiere, dann musste ich, die Zeit auszunutzen, weg innerhalb von Tagen. Sprach aber noch mit Hirschfeld. Anscheinend würden dir [sic!]  die Zürcher, um mir in Berlin zu helfen, im November nach Berlin lassen. da du im Dez. sowieso besetzt bist - in Wien und vielleicht in Italien - was Zürich nicht weiß, bin ich nicht sicher, ob ihnen 3 Wochen im November viel helfen! besser du trittst dort im Januar an und bleibst dann dort mehrere Monate, ich will auch [unterstrichen] im Januar zurück sein in Zürich. (definitiv, schon meines Passes wegen!) ich werde also jetzt alles tun wegen deiner Visen (habe schon alles vorbereitet, wusste nur nicht ob du Pass hast). wir würden dann Courage vorbereiten und anfangen und du könntest weg, wenn nötig. Verpflegung, Unterkunft wird vom Deutschen Theater besorgt, das wird gut sein und verhältnismässig konfortabel, wir müssen [unterstrichen] die Courage zusammen [unterstrichen] machen; dann soll es eine Tournee durch Westdeutschland werden - was sich lohnen könnte. Für die 3 groschenoper müssen sie dich auch zahlen für die ganze Tournee [unterstrichen]! herzlich dein alter b".

Außerordentlich wichtiger und inhaltsreicher Brief, der den Neuanfang Bertolt Brechts in Deutschland nach dem Krieg markiert und seine Visionen und Pläne für den Aufbau eines "neuen Theaters für eine neue Gesellschaft" (Parker) veranschaulicht. - Die "Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe" (BFA, Bd. 29, S. 475) datiert den Brief auf allgemein "Oktober 1948", er kann aber nur in Berlin am 26. oder 27. Oktober geschrieben worden sein, da Brecht direkt Bezug auf die an beiden Tagen mit Langhoff u.a. besprochenen Courage-Pläne Bezug nimmt. Frühere Nachkriegsbriefe von Brecht aus Berlin sind nicht bekannt. Brecht war im November 1947 über Paris nach Zürich gekommen und traf dort erstmals wieder mit Caspar Neher zusammen. Während er in Feldmeilen auf die Erlaubnis zur Weiterreise nach Deutschland wartete, knüpfte er Kontakte zu Verlegern und Intendanten, um die Bedingungen und Möglichkeiten für den Aufbau eines neuen Theaters zu sondieren. Caspar Neher sollte eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung künftiger Bühnenbilder spielen. Ende August 1948 wurde schließlich Brechts Schweizer Identitätsausweis bis Ende Februar 1949 verlängert, was ihm die Reise nach Deutschland ermöglichte. Am 22. Oktober 1948 erreichten Brecht und Helene Weigel über Prag kommend zuerst Dresden, dann Berlin, wo sie im Wirtschaftsgebäude des zerstörten Hotels Adlon untergebracht waren. Am 26. Oktober hatte Brecht dann die entscheidende Besprechung mit Wolfgang Langhoff im Deutschen Theater, tags darauf traf er sich mit Slatan Dudow. "Danach beginnt er mit den Vorbereitungen zur Inszenierung von Mutter Courage und ihre Kinder am Deutschen Theater" (Hecht), was sich im vorliegenden Brief an Caspar Neher widerspiegelt. Letztlich konnte Neher das Bühnenbild zur legendären Courage-Inszenierung 1949 nicht entwerfen, da er nicht rechtzeitig die entsprechenden Reisepapiere erhielt. "Wir warteten ja bis zuletzt auf dich und mußten dann einfach improvisieren", schrieb Brecht an Neher zwei Wochen nach der Premiere am 25. Januar 1949, mit der die Geschichte des Berliner Ensembles ihren Anfang nahm.

Erwähnt wird ferner die Inszenierung der Dreigroschenoper mit Brechts Tochter Hanne Hiob und Hans Albers als Peachum. - Vgl. Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 29. Frankfurt 1998, S. 485; Stephen Parker, Bertolt Brecht. Eine Biographie. Frankfurt 2018, S. 794 ff.; Werner Hecht, Brecht Chronik 1898-1956. Frankfurt 1997, S. 834 ff. - Eigenhändige Briefe von Bertolt Brecht sind sehr selten.  (52193)

Erhältlich in unserer Autographenhandlung: bvb//autographs//de 

11. Juni 2019

Zensur in Ungarn - Béla Bartók bringt sein Geld ins Ausland

Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit, Niedrigzinspolitik in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Schon Béla Bartók transferierte 1931 einen Teil seiner Einnahmen ins Ausland, um der drohenden Inflation in Ungarn zu entgehen. Und er fuhr extra nach Wien, um diesen politisch hochbrisanten Brief in einer delikaten finanziellen Angelegenheit an der ungarischen Zensur vorbei zu schleusen.


Zensur in Ungarn

Bartók, Béla, Komponist (1881-1945). Eigenh. Brief mit U. Wien, 17. XII. 1931. Fol. 1 1/2 Seiten.

3200 Euro

"[...] die wirtschaftliche Lage ist bei uns, wie Sie wohl wissen, so unsicher, dass ich womöglich meine künftigen Einkünfte aus dem Auslande in einem weniger unsicheren Land aufbewahren möchte [...] dürfte ich Ihnen von Zeit zu Zeit kleinere Beträge (gelegentlich meiner Konzertreisen) überweisen lassen, die Sie dann in einer guten Bank legen und für mich bewahren würden? Es tut nicht, wenn auch die Einlagen niedriger (oder vielleicht garkeine) Zinsen tragen, auch können dieselbe auf 1 Jahr gebunden (? lekötve) sein. Wenn ich dann später eventuell dieselben oder einen Teil davon brauche, würden Sie den Betrag mir zukommen lassen? Da wir zur Zeit eine (allerdings schwer durchführbare) Briefzensur haben, schreibe ich Ihnen über diese Angelegenheit aus Wien; ich bitte Sie, Ihre Antwort auf meine Adresse in Budapest (Kavics u. 10) zu richten und mir vorsichtig diesbezüglich nur soviel zu schreiben, ob Sie geneigt wären,  mir  in  dieser  Angelegenheit  zur  Hilfe  zu  sein. - Wir leben in grosser Unsicherheit, und wer noch Pengö's hat, versucht durch Einkäufe deren loszuwerden. Diese Zustände sind freilich nur teilweise, der Verschwendungssucht unserer Regierung zuzuschreiben; leider werden selbst noch heute von unseren leitenden Personen unverzeihliche Missgriffe begangen [...].  Inzwischen habe ich eine Reihe von Duetten für 2 Violinen über Volkslieder geschrieben [...]".



Der Brief ist nicht verzeichnet in den deutschen und ungarischen Ausgaben von János Demény (Briefe  1973 und Levelei 1976). Am selben Tag schrieb Bartók laut Demény von Budapest aus auch an Schott's Söhne in Mainz, er ist also für den hier vorliegenden Brief, vorbei an der von ihm erwähnten ungarischen Zensur, tatsächlich nach Wien gefahren. Erwähnt werden am Schluss Bartóks Duette für 2 Geigen, die in Erich Dofleins Publikationen "Das Geigen-Schulwerk" und "Spielmusik für Violine" 1932 erstmals erschienen. - Briefe von Bartók in deutscher Sprache, zumal politischen Inhalts, sind außerordentlich selten.  (52096)

4. Juni 2019

Max Reinhardt lässt sich scheiden - Lou Andreas-Salomé tröstet die Verflossene

Es geht doch nichts über die beste Freundin! Vor allem in harten Zeiten, wenn einen der Ehemann für eine Jüngere verlässt und sich das Leben so grundlegend auf den Kopf stellt, wie Frau es nicht erwartet hätte.

Wohl auf Vermittlung Gerhart Hauptmanns hatte Lou Andreas-Salomé von 1905 bis 1908 mehrmals Max Reinhardt und seine Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin besucht, darunter auch Else Heims, seit 1910 Max Reinhardts erste Ehefrau. Doch schon 1913 lernte Reinhardt die 16 Jahre jüngere Schauspielerin Helene Thimig kennen, für die er im Sommer 1919 Familie, Frau und Kinder verließ. Else Heims-Reinhardt versuchte die Scheidung zu verhindern, es folgte ein langjähriger Scheidungskampf. 1931 zog Max Reinhardt extra ins liberalere Lettland, um dort eine Scheidung zu erwirken. Else Heims focht die Scheidung an, erst 1935 kam es durch Vermittlung des gemeinsamen Sohnes Gottfried zu einer finanziellen Einigung und einer endgültigen, amtlichen Scheidung von Else und Max Reinhardt. In all den Jahren stand Lou Andreas-Salomé ihrer Freundin Else zur Seite, wie die folgenden beiden Briefe beweisen:




"immer erneute Sinnesverwirrung"

Andreas-Salomé, Lou, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin und Muse von Nietzsche, Rilke und Freud (1861-1937). Eigenh. Brief mit U. "Ihre alte Lou". Göttingen, "Montag" (um 1919). 4°. 3 1/2 Seiten. Doppelblatt.

1600 Euro

Sehr inhaltsreicher Brief an die Schauspielerin Else Heims-Reinhardt, am Beginn ihrer Trennung von Max Reinhardt: "Gestern sprach ich Hedwig Kontor. und war nicht wenig betrübt, so ungute Nachrichten über Ihr Ergehen zu bekommen! [...] Ueber R. denk ich so imgrunde: ob nicht in seiner schöpferischen Begabung was ist, was ihn von dorther in immer erneute Sinnesverwirrung reißt, - wissen Sie, ähnlich, wie ein Lyriker stets neue Lieben anschmachtet, die doch  nur  lyrische  Gelegenheiten  sind  und  seine  'Dauergefühle'  nicht  berühren;  nur  daß  bei  R.’s  schrecklicher  Potenz die Dinge so leiblich ablaufen. Tatsächlich sind diese Dinge doch nicht im Zentrum seines nordischen Wesens. Ich weiß ja nichts, doch alles spricht dafür, sowohl sein Verhältniß zu Ihnen, so wie es trotz und während solcher Zeiten manchmal blieb, als auch seine Seltsamkeiten als ob er überhängt am Weibe und irrtümlich seiner Grundsensation [?]. Jedenfalls ist er eine Mengung von großen und von argen Eigenschaften, die irgendwie nicht zu trennen sein mögen. Das Furchtbare ist jedoch, daß Sie leiden, Sie sollen auch elend aussehen. Was machen wir nur, Else? [...] Liebe Else, schreiben Sie mir doch noch von allem so daß ich ein Bild kriege: Oft mein' ich: mit R. sprechen wär gut, - ob das ginge? [...]" - Vgl. Ursula Welsch und Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé. Leipzig 2006, S. 120 f. - Spuren von Tesafilm im Falz, gelocht und mit Hinweis "Scheidung" von anderer Hand auf Seite 1.  (52110)



"Die Allgemeinheit empfängt, nur die einzelne Frau neben ihm leidet"

Andreas-Salomé, Lou, Schriftstellerin, Psychoanalytikerin und Muse von Nietzsche, Rilke und Freud (1861-1937). Eigenh. Brief mit U. "Von Herzen Ihre Lou". (Göttingen), ohne Jahr (um 1925). Fol. 2 Seiten.

1600 Euro

Langer, tröstlicher Brief an die Schauspielerin Else Heims-Reinhardt, über deren Trennung von Max Reinhardt: "[...] Als Mutter der Beiden [Söhne Wolfgang und Gottfried] müssen Sie  doch so zugehörig sich fühlen, wie eben nur eine Mutter es darf: weit über alles Persönliche hinaus bleibt ja M. R.’s Werk bestehen und gerade durch diesen persönlichsten Kern ja auch als das Ihre. Else, das muß auch über das Traurige im Personenschicksal hinübertragen: so natürlich Ihre Trauer als Frau auch ist, müssen Sie sich doch sagen: wer so viel schuf, wie M. R., der kann nicht umhin, auch zu nehmen! Die Allgemeinheit empfängt, nur die einzelne Frau neben ihm leidet [...]. Es hätte ja auch eine oberflächliche Zwischen-leidenschaft ein Anlaß sein können: da es aber so dauernd und alles beeinflussend blieb, wie Sie es selbst schildern, umfaßt es doch auch ein Recht [...]. Sie tun etwas Böses an Ihnen selber, indem Sie den Einfluß der anderen Frau auf 'Betreiben' und 'Intrigen' zurückführen. Durch die Söhne bleibt Ihnen so Vieles. Zerbrechen Sie es sich nicht durch ein Zurückbleiben hinter dem Schicksalswollen [...]". - Vgl. Ursula Welsch und Dorothee Pfeiffer, Lou Andreas-Salomé. Leipzig 2006, S. 120 f. - Gelocht, mit Hinweis "ER v MR" von anderer Hand auf Seite 1.  (52095)

23. April 2019

Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?

- Eduard Fischer von Röslerstamm -


Staub in den Regalen – wie romantisch. Bücherfreunde träumen davon, in einem kleinen verstaubten Antiquariat ganz unten in einem großen verstaubten Bücherstapel in der hinterletzten verstaubten Ecke ein wertvolles Buch zu entdecken und darin  möglicherweise eine Widmung von Goethe, einen handschriftlichen Brief von Martin Luther, oder zumindest ein paar in Vergessenheit geratene Euro-Scheine, die irgendjemand darin vor dem Finanzamt verborgen hat. Antiquare leben mit dem Staub, sie unternehmen zumindest nichts gegen ihn. Dabei warnten schon die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts: Bücherstaub gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Autographensammler Eduard Fischer von Röslerstamm, geboren 1848 in Wien und Herausgeber der „Mittheilungen für Autographensammler“, wusste, wovon er sprach. Er besaß mehr als 15.000 Briefe und Manuskripte und war ein Vorbild für die damals „jungen“ Sammler wie Stefan Zweig und Eugen Wolbe. Im Jahr 1900 untersuchte Fischer von Röslerstamm in der “Zeitschrift für Bücherfreunde” anhand einer empirischen Analyse die Lebenserwartung von Sammlern, Bibliothekaren und Antiquaren untersuchte und stellte dabei die entscheidende Frage: „Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?“ 

Wenn man diese Frage einem Arzte vorlegen wollte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, dass er sie bejahend beantworten würde, und man kann sich ausmalen, mit wie viel Aufwand von Gelehrsamkeit entwickelt werden würde, dass der Staub der Bibliotheken sich aus so und so vielen schädlichen Substanzen zusammensetze, wenn nicht gar noch ein Bücherbazillus dadurch ans Licht gebracht werden dürfte. Und doch ist meines Wissens in keinem der langatmigen Fragebogen, welche die Lebens-Versicherungs-Gesellschaften ihren Klienten vorlegen, die Frage enthalten: ob sich der zu Versichernde besonders eifrig mit Büchern beschäftige, wodurch etwa eine den Bibliothekaren z. B. die Aufnahme erschwerende „Gefahr des Berufs“ konstruiert werden könnte.

Weder Arzt noch Lebensversicherungs-Statistiker, bin ich durch meine Beschäftigung mit Autographen darauf gekommen, in der Zeitschrift für Bücherfreunde auch einmal von den Bücherfreunden zu sprechen. Als ich unlängst zahlreiche Briefe von Bibliothekaren, Bibliographen, Verlegern in meine Sammlung einordnete, überraschte es mich, dass jede einzelne Persönlichkeit, mit der ich mich gerade beschäftigte, ein Lebensalter über Siebzig oder in die Achtziger hinein erreicht hatte. Diese zufällige Beobachtung reizte mich dazu an, eingehendere Nachforschungen anzustellen. Aus dem Zettelkataloge meiner Autographensammlung und aus Hilfsbüchern stellte ich die Lebensdaten von 222 Bibliographen und Bibliothekaren zusammen und fand, dass dieser Kategorie ein Durchschnittsalter von nahe an 69 Jahren zukommt. - Von Verlegern standen mir nicht so viele Daten zu Gebote, denn nicht nur von den Ältesten, die Verleger und Drucker zugleich waren, sondern auch von den späteren Buchhändlern, bis in unser Jahrhundert herab, wissen die biographischen Lexika häufig nur das Sterbejahr, aber nicht das Geburtsjahr anzuführen. Immerhin konnte ich mir auch aus diesem Kreise 105 Namen notieren; und mit dieser Zahl in die Summe der Jahre, die die Einzelnen erreicht hatten, dividiert: gab wieder 69 und noch einen Bruchteil darüber. Weitere Nachforschungen nach dem Durchschnitts-Lebensalter auch der Antiquarbuchhändler hätten mir vermutlich nicht allzuviel genützt, da ich nur wenig Material hätte auftreiben können. Es bedarf aber wohl keines statistischen Nachweises, um uns darüber zu versichern, dass die Antiquare inmitten ihrer alten Bücher selbst alt zu werden pflegen.

Ich bemerke, dass ich jedes nur aufstossende Datum sammelte, dass bei den obigen Ziffern also nicht nur Deutsche - diese sind freilich stärker vertreten - sondern auch andere Nationen berücksichtigt worden sind. Die französischen Bibliothekare und Bibliographen, für sich allein betrachtet, würden etwas unter dem Durchschnitt bleiben; die italienischen dagegen würden ihn erheblich übersteigen.

Dass das Landleben die Menschen nicht alt werden lässt, ist längst erwiesen; den wenigen Hundert- und über Hundertjährigen, welche die ländliche Bevölkerung aufweist, stehen ja so viele Bauern gegenüber, die eines frühen Todes sterben, weil sie sich bei der anstrengenden Feldarbeit, oder Förster, die sich bei einem Pirschgange oder bei einer Inspizierung der Holzarbeiter erkältet haben. Im allgemeinen gilt sogar, dass die Städter etwas länger leben als die Landbewohner, dass eben die bemittelten, gebildeten Stände in der Stadt es auf ein erheblich höheres Alter bringen als die den Unbilden und Schwankungen der Witterung mehr sich aussetzenden Einwohner des flachen Landes.

Unter den besser situierten Städtern zeichnen sich wieder besonders die Gelehrten durch Langlebigkeit aus. Die Statistiken wissen dies schon lange, - ich konnte mir aber bei ihnen keinen Rat holen, da sie gewiss nicht die Kategorien „Bibliographen“, „Bibliothekare“ unterscheiden, sondern, wenn sie nicht nur nach Gymnasiallehrern, Universitätsprofessoren, Privatgelehrten und dgl. klassifizieren, sondern auch Unterabteilungen, wie „Historiker“, „Philologen“ etc. aufstellen, die hauptsächlich mit Büchern beschäftigten Menschen ihrer Spezialwissenschaft, besonders den zwei genannten Disziplinen, zuweisen, und von Bibliophilen erst recht nichts wissen, da sie nur Berufe, aber nicht Liebhabereien verzeichnen. So musste ich denn, um meine den Büchern zugedachte Lebenserhaltungskraft nachzuweisen, mich noch überzeugen, ob nicht den Gelehrten überhaupt dasselbe Durchschnittsalter zukäme, wie den Bibliothekaren etc. Ich nahm mir zu diesem Zwecke in dem sehr handlichen Lexikon von Beeck (das leider keine neue Auflage erlebt hat), da ich doch nicht das ganze Alphabet durcharbeiten konnte, den Buchstaben „M“ vor, der mir bei allen Nationen ziemlich gleichmässig vertreten zu sein scheint, und zog die Gelehrten heraus. Meine Methode ist gewiss kaum über alle Anfechtungen erhaben, aber obwohl wenig Material vorhanden war, ergaben sich doch Resultate, die meine allerdings vorgefasste Meinung glänzend bestätigten.

Unter den ca. 230 Persönlichkeiten mit dem Buchstaben „M“ - Verschiedene, die sich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet haben, mussten doppelt oder mehrfach gezählt werden - wurden von mir 13 (ausschliesslich oder zugleich mit anderen Fächern) der Bibliotheks-Branche resp. den Bibliographen zugezählt; für sie ergiebt sich ein Durchschnittsalter von 74 Jahren. - Nun beachtet die Stufenreihe! Den reinen Büchermenschen mit einem Durchschnittsalter von 74 stehen am nächsten die Litterarhistoriker mit 71 Jahren, welche etwa 40 Prozent der Bibliothekare und Bibliographen liefern. Nächst ihnen rangieren die Philologen im engeren Sinne, die etwa 30 Prozent stellen, mit 69 Jahren; und um so tiefer, als das von mir ermittelte Durchschnittsalter der verschiedenen Gelehrten sinkt, desto geringer wird ihre Beteiligung an den rein bibliothekarischen und bibliographischen Arbeiten und desto weniger sind die einzelnen Fachgelehrten darauf angewiesen, die vorhandene Litteratur für ihre wissenschaftliche Arbeit zu benützen.

Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Büchern und der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen einen fördernden Einfluss auf die Lebensdauer zuzuschreiben. Die geregelte Lebensweise des viel über seinen Büchern Sitzenden, die Gemütsruhe, die in seiner Brust waltet, das Abgelenktsein von Störungen von ausserhalb, von Aufregungen, welche die Politik mit sich bringt: das Alles verlängert den .Bücherfreunden das Leben; aber dass den Büchern und dem Bibliothekenstaub eine absolut schädliche Wirkung auf die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen nicht nachgewiesen werden kann, dürfte aus meiner Statistik denn doch wohl hervorgehen.

Die Buchhändler resp. Verleger mit anderen kaufmännischen oder industriellen Unternehmern auf ihr Durchschnittsalter zu vergleichen, ist unmöglich, da die grossen Kaufleute und Industriellen - von Krämern und Handwerkern von vornherein abgesehen - in den biographischen Lexicis zu dünn gesäet sind; doch ist es wohl auch nicht nötig. Unsere reichen Handels- und Fabrikherrn, die sich pflegen können und die geschicktesten Ärzte und die heilkräftigsten Bäder zur Verfügung haben, um ihre wankende Gesundheit zu befestigen, stellen gewiss auch ein stattliches Kontingent zu der Zahl der Langlebigen, welche die Städte begünstigter erscheinen lassen dem Lande gegenüber. Aber die Leipziger Buchhändlerbörse bringt ihren Interessenten keine Aufregungen und Beängstigungen, wie die Schwankungen ihrer Namenskolleginnen auf dem Fonds- und Effekten-, auf dem Getreide- und Eisenmarkt deren Affilierten bereiten; und deshalb ist es gewiss kein Zufall, dass ich bei Denjenigen, die sich mit „zu lesenden“ Büchern beschäftigen, beinahe dasselbe hohe Durchschnittsalter antraf als bei Denjenigen konstatiert werden konnte, die „schon gelesene“ Bücher oder wenigstens solche, die schon längst hätten gelesen werden können, gewöhnlich in Händen haben.

Ich will noch anführen, dass ich meine aus dem Buchstaben „M“ genommenen Resultate in einem Falle, der die exakten Wissenschaften betrifft, übergreifen zu sollen glaubte. Da die einzigen zwei Neunziger, die Beeck unter den mit „M“ anfangenden Gelehrtennamen anführt, beide Astronomen sind (J. J. de Mairan und Cl. L. Mathieu), glaubte ich zu einer zu hohen Durchschnittsziffer für diese Kategorie gelangt zu sein. Ich schaffte mir deshalb aus dem Buchstaben B bei Beeck ein dreifach grösseres „Beobachtungsmaterial“, und in der That wurde das Durchschnittsalter der Astronomen, Mathematiker, Physiker, Chemiker nunmehr von 67 auf 66 Jahre herabgedrückt, was dem Verhältnisse, das zwischen diesen Gelehrten und alten Büchern besteht, besser entsprechen dürfte. Wenn es unter den Lesern dieses Aufsatzes besonders aufmerksame giebt, die sich mit mir darüber gewundert haben, dass die exakten Wissenschaften so hoch rangierten, so erfahren sie jetzt, an welcher Zufälligkeit das gelegen hat.

Natürlich verhehle ich mir durchaus nicht, dass meine Zahlen keinen „absoluten“ Wert besitzen, da in die biographischen Lexika und in die Autographensammlungen hauptsächlich diejenigen eindringen, welche lang genug lebten, um in ihrem Fache sich einen Namen zu erringen; da ferner weiter zu beachten ist, dass die eigentlichen Wissenschaften oft schon jungen Männern den Lorbeerkranz reichen, der ihnen auch durch einen frühen Tod nicht mehr entrissen wird, während in der Bibliographie gewöhnlich nur Jahrzehnte mühevoller Forschung einen lohnenden Erfolg gewähren. Das könnte ja immerhin einen einseitigen Einfluss auf meine Zahlen ausgeübt haben, aber ich bemerke denn doch, dass die Lebensdaten von Bibliothekaren gewöhnlich nicht verzeichnet werden, wenn die Betreffenden sich nicht in einem wissenschaftlichen Fache ausgezeichnet haben. Ich habe diese Bibliothekare also auch bei ihren eigentlichen Disziplinen noch berücksichtigt und dadurch das Durchschnittsalter vieler Kategorien verstärkt. Andrerseits wurden unter den Bibliographen von mir doch auch manche verzeichnet, welchen keine lange Arbeitszeit - ich erinnere nur an Hain - vergönnt war. Als Amanuensis o. dgl. sterben aber gewiss nicht mehr junge Gelehrte, als der Tod auch beispielsweise unter den Privatdozenten dahinrafft. Also „relativen“ Wert haben meine Zahlen gewiss, und dieser wird ihnen von den Lesern nicht aberkannt werden. Und so nehme ich von ihnen Abschied mit dem Wunsche, dass die jungen Bücherfreunde recht alt und die alten noch älter werden mögen.


Erstmals erschienen in “Zeitschrift für Bücherfreunde” (1900).

5. Februar 2019

Letters of Note - gelesen im Prinzregententheater



Letters of Note ist eine mittlerweile mehrbändige Sammlung der unterhaltsamsten, inspirierendsten und ungewöhnlichsten Briefe der Weltgeschichte, zusammengetragen von Shaun Usher, der seine Sammlung jede Woche in seinem Blog www.lettersofnote.com ergänzt. 

Wer mehr darüber erfahren möchte, geht am besten erst gar nicht ins Internet, sondern am 3. März um 11 Uhr ins Münchener Prinzregententheater. Dort lesen Anke Engelke und Devid Striesow im Duett aus den schönsten "Letters of Note". "Sie nehmen ihr Publikum mit ergreifenden Liebesgeständnissen, hochkomischer Korrespondenz und skurrilen Schriftstücken mit auf eine heterogene Reise durch die Mentalitätsgeschichte und durch zahlreiche Facetten menschlichen Empfindens", heißt es im Programm. Gelesen wir u.a. aus Richard Burtons Abschiedsbrief an Elisabeth Taylor, dem anrührenden Protestbrief von Marge Simpson an die frühere First Lady Barbara Bush, Nick Caves Antwort auf seinen MTV Award oder Virginia Woolfs Abschiedsbrief an ihren Ehemann.

54 Euro Eintritt, an einem Sonntagmorgen im wunderbaren Prinzregententheater, das über 1000 Zuschauer beherbergen kann? Sind die Zeiten, in den wir Autographenhändlerinnen eine kleine, aber feine und sehr gebildete Randgruppe bedienten, vorüber?

Hingehen!

More Letters of Note
Anke Engelke und Devid Striesow, am 3. März um 11 Uhr im Prinzregententheater in München


Weitere Informationen im Netz.

19. Dezember 2018

"Ihr Angebot beglückt stets köstlich"

Herzlichen Dank an Alexander Rauch für die Zusendung dieses wunderbaren Gedichtes:

Ihr Angebot beglückt stets köstlich,
die Briefe, östlich oder westlich,
und erst die vielen Autografen,
die jeden Grafen lügenstrafen,
der schrieb, als es noch kein Auto gab,
und dennoch Auto-Graf sich nennt.
Die Namen, die man weltweit kennt
sie liegen meist schon längst im Grab.
Ihr Geist jedoch, der geistert rum
noch immer bei dem Publikum,
das sammelt, selbst kaum weiß, warum.

Doch wer solch graues, altes Blatt
in den noch jüngern Händen hat,
das Goethe, Mozart, Meyerbeer
manch Künstler - oder sonst noch wer -
dereinst mit Herzensblut beschrieben,
der riecht am Duft der welken Blätter,
schließt die Augen, denkt, als hätt er
diesen Großen selbst beglückt
ehrfurchtsvoll die Hand gedrückt.

24. September 2018

Kleider machen Autographen

"Während seines Aufenthalts in Hiddensee schrieb Hauptmann an seinen Berliner Schneider und bat ihn, zwei bestellte Anzüge bis zu einem bestimmten Termin zur Anprobe fertig zu machen. Der biedere Handwerksmeister antwortete nicht. Hauptmann, in Sorge, der Brief möchte verlorengegangen sein, schrieb ein zweites Mal und liess, als der Schneider immer noch nichts von sich hören liess, noch ein drittes Schreiben vom Stapel. Auf der Rückreise betrat er mit etlichen Zornesfalten auf der Stirn das Atelier Meister Zwirns, schlug auf den Tisch und begehrte zu wissen, weshalb man seine wiederholten Anfragen nicht einmal einer Antwort für wert halte. Der Schneider senkte verlegen den Kopf:

'Je öfter Sie mir schreiben, um so besser. Andere Leute sammeln Briefmarken', sagte er, 'und ich sammle Ihre Briefe. Es ist alles zur Anprobe bereit, aber sehen Sie: An Ihren Briefen verdiene ich weit mehr als an den beiden Anzügen!'"



Karl Rauch, Heiteres aus der Welt des Buches. Stuttgart undZürich 1962, S. 44.

24. Juli 2018

Analoge Autographen - online bestellen

- von Barbara van Benthem -



Über 5000 seltene Briefe und Manuskripte berühmter Persönlichkeiten sowie zahlreiche preiswerte Sonderangebote, ab sofort in unserem ONLINE-SHOP.

Wir danken dem Weltanschauungsobjekt, der Grille und vor allem Karsten Gnettner und dem Trio Nautico für die wunderbare Musik zum Video.

20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018.