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4. November 2020

Die Fährtenleser - 20 Jahre Eberhard Köstler Autographen & Bücher oHG

Ein Artikel von Sabine Bader in der Süddeutschen Zeitung:

Wer das schafft, kann sich glücklich schätzen: Den Eheleuten Barbara van Benthem und Eberhard Köstler ist es gelungen, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Die beiden Antiquare haben sich auf den Vertrieb von Autographen spezialisiert, also handgeschriebenen Briefen von bekannten Persönlichkeiten. In diesem Jahr können sie in Tutzing bereits ihr 20-jähriges Firmenbestehen feiern.

"Jedes Stück gibt es nur einmal, und sie alle geben Einblicke in die Persönlichkeit des Schreibers", sagt Köstler. Seine Frau veranschaulicht dies anhand eines Beispiels: "Man kann noch so viele Bücher über Bertolt Brecht und die Frauen lesen, bekommt man aber einen Brief von ihm an die dänische Schauspielerin Ruth Berlau in die Hand, kann man das, was man in der Biografie gelesen hat, nachvollziehen." Es sind die kleinen Einblicke ins Privatleben von Schriftstellern, Malern und Komponisten, die die Arbeit der Eheleute so spannend macht. Zwei Fährtenleser auf Entdeckungstour. "Man erlebt jeden Tag schöne Überraschungen", sagt die 57-Jährige.

Von Arbeit wollen die Eheleute im Zusammenhang mit ihrem Beruf ohnehin nicht sprechen. "Das ist doch gar keine Arbeit", protestiert der 63-jährige Köstler prompt. Ein Ankauf um 22 Uhr, das kann schon vorkommen. Und neulich haben sie glatt ein ganzes Wochenende darüber gefachsimpelt, ob Arnold Schönberg Minderwertigkeitsgefühle hatte oder nicht. Auf den Gedanken waren sie über Schönbergs Korrespondenz im Zusammenhang mit einem Konzert zu Ehren Albert Einsteins in der New Yorker Carnegie Hall gekommen.

Auf dem Klavierhocker im Esszimmer der Tutzinger Eheleute steht eine Schachtel. "Unbekannte Flugobjekte" nennen sie Kisten wie diese mit Briefen und Handschriften, deren Verfasser sie erst näher sichten müssen. Kartons dieser Art sind selten und stammen entweder aus Sammlungsauflösungen, Nachlässen oder Archiven. Wenn man Glück hat, findet sich darin die ein oder andere spannende Rarität - wie hier zum Beispiel ein Brief von Cosima Wagner. Im Normalfall kaufen Köstler und van Benthem aber sehr gezielt ein - meist zum Weiterverkauf, teilweise fungieren sie aber auch als Vermittler.
 
Seit bald 20 Jahren tüfteln die beiden nun Arbeitszimmer an Arbeitszimmer in ihrem Tutzinger Privathaus und entziffern Handschriften, rekonstruieren Werdegänge, Hintergründe, Beziehungen und tauchen dabei ein in andere Leben. Da war zum Beispiel ein undatierter Brief von Bertolt Brecht an seinen Schulfreund, den deutsch-österreichischen Bühnenbildner Caspar Neher. Bei ihren Recherchen haben die Eheleute herausgefunden, dass dies der erste Brief Brechts nach seiner Rückkehr aus dem Exil nach Berlin war. "Unsere Kunden haben oft nicht so viel Zeit, um Buchstabe für Buchstabe zu entziffern", sagt Köstler.

Längst führen die beiden ihren Versandhandel gemeinsam. Ist der Inhalt eines Briefes erst einmal entschlüsselt, wird er für den Kunden aufbereitet und auf säurefreiem Papier ausführlich beschrieben. Dies alles ist trotz ihres Fachwissens nur möglich, weil die beiden Antiquare über eine umfangreiche Fachbibliothek verfügen - natürlich nicht daheim in ihrem Wohnhaus, sondern ein paar Straßen weiter, nahe der Tutzinger Kirche Sankt Joseph.

Wer jetzt meint, das Antiquariat besuchen zu können, der irrt. Es ist kein richtiges Ladengeschäft mit Öffnungszeiten, obwohl die Werke penibel sortiert und aufgereiht in den deckenhohen Regalen zum Schmökern einladen. Doch die rund 10 000 alphabetisch geordneten Bände dienen den Eheleuten ausschließlich als Nachschlagewerke für die Recherche. "Wir garantieren auch lebenslang für die Echtheit der Dokumente", sagt van Benthem. "Nichts verlässt unerforscht das Haus."
 
Die Eheleute nennen dies "veredeln". Es versteht sich von selbst, dass die beiden alle wertvollen Schriftstücke nicht bei sich im Haus lagern, sondern sicher im Banktresor aufbewahren. Ist ein Brief von Thomas Mann, Bertolt Brecht, Franz Liszt, Richard Wagner, Lyonel Feininger oder Joan Miró erst einmal veredelt, wird er mitsamt Beschreibung und Echtheitszertifikat fein säuberlich verpackt, und es geht auf die Post. Alle Bestellungen sind selbstverständlich versichert. Versandt wird weltweit, Vorkasse gibt es bei den beiden nicht. "Wir vertrauen unseren Kunden", sagen sie. In der Regel kennt man sich, entweder von Korrespondenzen und Telefonaten oder auch persönlich von Antiquariatsmessen in Stuttgart und Paris oder von Auktionen. "Mit manchen Kunden wird man gemeinsam alt", sagt Köstler. Vertrauen ist wichtig in diesem Geschäft. Schließlich geht es um stattliche Summen.

Wer ein besonders rares Stück erwerben möchte, muss schon einige 10 000 Euro hinblättern. Und das ist noch nicht einmal die oberste Preisklasse. Bei Mozart oder Bach kann es in die Millionen gehen. "Wir sind nicht im High-End-Bereich tätig", sagt Köstler. Aber auch ein handgeschriebenes Notenblatt von Richard Strauss ist für Sammler so interessant, dass es gleich verkauft ist. Zu den Käufern zählen nicht nur Stammkunden, manchmal fragen auch Kinder und Enkel an, für die Briefe von Eltern und Großeltern als Erinnerungsstücke von Bedeutung sind. Oder ein Kunstsinniger leistet sich als Geschenk für einen Freund eine handsignierte Autogrammkarte. Für Letztere muss man um die 50 Euro ausgeben.

Vielen Leuten sind sie noch ein Begriff, die hauchdünnen Seiten der "Merkhefte" des Verlags Zweitausendeins, in denen eine wilde Mischung aus Büchern, Platten, Plakaten und Buttons versammelt war. Längst haben sie Kultstatus erlangt. Wer einen der monatlichen Kataloge mit Briefen und Manuskripten der Tutzinger Antiquare in Händen hält, fühlt sich zumindest haptisch an sie erinnert. Die Kataloge enthalten Angebote für Kunden. Es gibt aber auch einen Online-Shop auf der Webseite und einen Newsletter.
 
Ja, und dann haben die beiden noch zwei Steckenpferde: Sie lieben Musik, vor allem Jazz - sie spielt Bass, er Saxofon, Flöte und auch mal Klavier. Die Spielfreude kann auch in einen kleinen Hausmusikabend zu zweit münden. "Natürlich nur mit geschlossenem Fenster", sagt die Hausherrin. Ob Pauline Schmidt, die Katze, es goutiert, ist offen ...

Veröffentlicht in der SZ vom 16. Oktober 2020 (Fotos: Georgine Treybal)    >>> WEITERLESEN 

25. Februar 2020

Albert Einstein - Zwei Stühle und eine Weltformel


Einstein, Albert, Physiker und Nobelpreisträger (1879-1955). Eigenh. Brief mit U. "Papa". (Paris), 8. XI. 1929. 4°. 2 Seiten, auf einem Doppelblatt. In adressiertem Umschlag. 

15.000 €

Außerordentlich schöner und sehr inhaltsreicher Brief an seinen Sohn Albert in Dortmund, einen Tag vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde in Paris, wo er in einem Vortrag seine neuesten Forschungen zur "Weltformel" vorstellte:

"[...] Ich bin gerade in Paris, um den Dr. h.c. zu kriegen und ein paar Vorträge zu halten. Auf der Rückreise möchte ich mich, wenn irgend möglich, d.h. wenn ich nicht ganz kaput bin, mich bei Euch eine Nacht aufhalten. ich komme in diesem Falle am 14. XI. um 6h28 Abends in Dortmund an. Am 15. 9h10 kann ich dann wieder weiterfahren. Schreib mir Eure Adresse, die ich gerade nicht da haben hierher (Legation d'Allemagne Rue de Lille 78.) Vor der Hand zwei Dinge. 1) Der Patent-Altmeister Seligsohn fordert Dich auf ihn zu besuchen, wenn Du nach Berlin kommst. Dies ist wichtig, weil er die wirklichen und nicht nur die offziellen Wege kennt. 2) Wir hätten Stühle für Euch, die früher in unserer Züricher Wohnung waren. 2 oder so [... mit Zeichnung] etwa so aber etwas schlanker. Vielleicht erinnerst Du Dich. 3) Herr Prof. [Ludwig] Hopf an der technischen Hochschule in Aachen, der Dir einmal eine wunderbare Eisenbahn geschenkt hat, als Du klein warst, lässt Dich und Deine Frau bitten, ihn einmal dort zu besuchen. Ich weiss nicht, ob dies für Dein Teufels-Fahrzeug in Betracht kommt als Ausflug. Jetzt muss ich dann gleich aufs Trapez und im Inst. Poincaré über meine neue Theorie französisch vortragen. Es wird eine infernalische Strapaze sein. Und ich habe fast eine Woche solcher Art vor mir! [...]".


Einstein wurde am 9. November 1929 die Ehrendoktorwürde der Pariser Sorbonne verliehen. Schon im April 1929 hatte er seine hier erwähnte "neue Theorie" in einer Sitzung der Preussischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt. In Paris nun referierte er nochmals vor einem breiteren Publikum über seine "einheitliche Feldtheorie", die Suche nach der sog. "Weltformel", die Einsteins Forschen in den kommenden Jahren beherrschen sollte. 

Sein Sohn Hans Albert Einstein (1904-1973) stammt aus der ersten Ehe mit Mileva Maric (1875-1948). Wie sein Bruder Eduard litt er sehr unter der Trennung der Eltern (1914), nach der die Söhne bei der Mutter in Zürich blieben, während Einstein in Berlin lebte. Der Vater besuchte seine Söhne weiterhin, trotzdem galt deren Verhältnis zueinander lange als gestört, was sich aber im Laufe der Zeit besserte. Nach seinem Diplom der Ingenieurwissenschaften an der ETH Zürich 1926 arbeitete Hans Albert Einstein zunächst als Ingenieur für Stahlbau in Dortmund. 1927 heiratete er Frieda Knecht. Später ging er an die Universität nach Berkeley.  Ludwig Hopf (1884-1939) arbeitete als Assistent Albert Einsteins an der Universität Zürich. Da Hopf ein guter Pianist war, musizierten Einstein und Hopf häufig miteinander. Hopf beschäftigte sich mit der Psychoanalyse und war ein Schüler C. G. Jungs, den er auch mit Einstein bekannt machte. 1911 kam Hopf an die Technische Hochschule Aachen. Beim von Einstein erwähnten "Patent-Altmeister" handelt es sich wohl um den Juristen und Patentanwalt Julius Ludwig Seligsohn (1890-1942).  (52845)

--> Interesse?

23. Oktober 2019

Münchener Tagung - Fair und gerecht? Restitution und Provenienz im Kunstmarkt

- Barbara van Benthem -

Am 14. Oktober 2019 trafen sich im Münchener Auktionshaus Karl & Faber über 120 Kunsthändler, Galeristen, Rechtsanwälte, Sammler und Antiquare, um das historisch und juristisch komplexe Thema der NS-Raubkunst aus Sicht der Marktakteure zu beleuchten. Ein Novum. Die Restitution von NS-Raubkunst wird in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Seit der Washingtoner Erklärung im Jahr 1998 und der Gemeinsamen Erklärung von 1999 machen spektakuläre Restitutionsfälle wie Ernst Ludwig Kirchners "Berliner Straßenszene" (Sammlung Alfred Hess, restituiert 2006) oder Paul Klees "Sumpflegende" (Sammlung Sophie Lissitzky-Küppers, Vergleich 2017) von sich reden. Zudem haben Bund und Länder Maßnahmen ergriffen, etwa die Einrichtung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg und die seit 2001 bestehende Lost-Art-Datenbank, zuletzt das nach wie vor heftig umstrittene Kulturgutschutzgesetz. Welche Herausforderungen sich daraus für den Handel mit Gemälden, Graphiken, aber auch mit Büchern und Handschriften ergeben, tritt oftmals in den Hintergrund. Genau diese Fragen sind für den Kunst- und Antiquariatsmarkt von zentraler, gar existenzieller Bedeutung.

Umso wichtiger die Initiative der Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel (einem Aktionsbündnis u.a. des Bundesverbands Deutscher Kunstversteigerer und des Verbands Deutscher Antiquare),  erstmals eine Tagung unter dem Titel „Fair und gerecht? Restitution und Provenienz im Kunstmarkt“ zu veranstalten. Die Tagung war hochkarätig besetzt. Einzig die  Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters war weder erschienen, noch hatte sie einen Vertreter geschickt – für Prof. Dr. Michael Wolfssohn ein „niederschmetternder“ Befund. In seinem Einführungsvortrag plädierte Wolfssohn, dessen Familie selbst nach einem über 12-jährigen Prozess auf eine Restitution verzichtet hatte, für eine „Sichtbarmachung“ des begangenen Unrechts. Die den jüdischen Familien zwischen 1933 und 1945 verfolgungsbedingt entzogenen Kunstgegenstände trügen ein „Kainszeichen“, der Kunsthandel und die Öffentlichkeit seien verpflichtet, darauf hinzuweisen. „Recht reicht nicht“, sagte er, „Versöhnung“ sei wichtig.


Mangelnde Rechtssicherheit

Wie überaus schwierig, in vielen Fällen sogar unmöglich aber allein schon das Herstellen von Recht und Gerechtigkeit in Restitutionsfällen von NS-Raubkunst fast 75 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes sein kann, wurde in allen Vorträgen und Plenumsdiskussionen deutlich. Ein grundlegendes Problem ist die mangelnde Rechtssicherheit.  Daran kann auch die Washingtoner Erklärung nichts ändern, in der sich 44 Staaten, 12 nicht-staatliche Organisationen und der Vatikan freiwillig verpflichten, Kulturgut, das während der NS-Zeit beschlagnahmt, geraubt, verfolgungsbedingt entzogen wurde, ausfindig zu machen, die rechtmäßigen Eigentümer oder deren Erben zu finden und eine faire und gerechte Lösung für eine Rückgabe oder Entschädigung zu erarbeiten. Als „Soft Law“ (Michael Eggert) fehle der Washingtoner Erklärung jegliche Rechtssicherheit. Es gebe keine juristisch verbindlichen Richtlinien, beklagte Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier, ehemals Präsident des Bundesverfassungsgerichts und Vorsitzender der sog. Limbach-Kommission (Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut). Papier sieht die Bundesregierung in der Pflicht, durch ein maßvolles, alle Seiten berücksichtigendes Gesetz endlich Rechtssicherheit herzustellen. In der abschließenden Podiumsdiskussion waren die Zweifel unüberhörbar, dass sich der Bund in absehbarer Zeit dieser Aufgabe annehme. Wie sollte die Bundesrepublik, wie sollten die öffentlichen Institutionen als Rechtsnachfolger des NS-Staates im Falle eines Restitutionsgesetzes mit Entschädigungsforderungen umgehen? Was wäre, wenn ein solches Gesetz nicht nur die Entschädigung von NS-Raubkunst, sondern auch von verfolgungsbedingt entzogenen Immobilien oder Firmenbeteiligungen regeln würde? Man wolle den gesellschaftlichen Frieden wohl nicht riskieren, konstatierte Prof. Dr. Hans-Jürgen Hellwig in seinem streitbaren Vortrag über „Die Entwicklung seit den Washington Principles“.


Die Grenzen des Zumutbaren

Hans-Jürgen Hellwig fungierte als Berater beim Zustandekommen des Kulturgutschutzgesetzes und gilt mittlerweile als einer der schärfsten Kritiker. Das Gesetz sei mit „fake facts“ erarbeitet worden, denn es gebe zum Beispiel keine Belege dafür, dass Deutschland ein Umschlagplatz für Geldwäsche durch Antikenhändler sei. Die Gesetzgebung, so kritisierte er weiter, konzentriere sich einseitig auf die Perspektive der damaligen Eigentümer von Gemälden, Graphiken und anderen Kulturgütern, ließe aber die Situation der heutigen Besitzer außer Acht, gebe also keinerlei sinnvolle Vorgaben für eine private Restitution von Raubkunst. Die heutigen Besitzer seien nur in den seltensten Fällen mit den Nachfahren der Täter identisch. Viele Kunstwerke seien vor Jahrzehnten gutgläubig von privaten Sammlern auf Auktionen oder im Handel erworben worden, ohne eine Ahnung davon zu haben, dass es sich möglicherweise um NS-Raubkunst handele. Anders stelle sich die Situation bei Museen und Archiven dar, die zur NS-Zeit schon bestanden oder als Rechtsnachfolger gelten. In dieser Funktion hätten sie die Pflicht zur Restitution, zumindest aber zum Herbeiführen einer fairen und gerechten Lösung für alle Beteiligten im Sinne der Washingtoner Erklärung. Für Restitutionen von privater Hand müssten andere Regelungen gefunden werden.

Was ist fair und gerecht? Diese Frage ist nur zu klären durch eine sorgfältige Erforschung der Provenienz aller Objekte, betonten Dr. Uwe Hartmann vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und Dr. Christian Fuhrmeister vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Weise ein Kunstwerk eine Provenienzlücke auf, stünde es unter Generalverdacht. Mit dem neuen Kulturgutschutzgesetz gelte für den Kunsthandel eine erweiterte Provenienzprüfungspflicht, erläuterte Hans-Jürgen Hellwig, was letztlich bedeute: Ein Händler könne ein Kunstwerk erst dann auf den Markt bringen, „wenn er zuvor bis zum wirtschaftlichen Ruin Provenienzforschung betrieben“ habe. Das sei, so Hellwig, „verfassungswidrig“. Prof. Dr. Peter Raue pflichtete bei: Wesentliche Aspekte des Kulturgutschutzgesetzes seien verfassungswidrig, und es wäre angebracht, dies in einem Evaluierungsprozess zu korrigieren. Provenienzforschung gehöre seit Jahrzehnten für jeden Händler zum Alltag, vor allem die größeren Auktionshäuser unterhielten eigene Abteilungen, die sich damit befassten, erklärten Dr. Rupert Keim von Auktionshaus Karl & Faber und Carl-Christof Gebhardt, ehemaliger Mitarbeiter bei Sotheby’s Deutschland. Aber wie viel Provenienzforschung ist wirtschaftlich machbar und zumutbar? Kunsthändler und Antiquare fühlen sich nicht nur in dieser Frage von der Bundesregierung weitgehend alleingelassen und mit teils unerfüllbaren Forderungen konfrontiert.


 Unzureichend – Lost Art-Datenbank

Umso schwerwiegender sei es, dass die vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betriebene Lost-Art-Datenbank erhebliche Mängel aufweise. Kritik an der Datenbank, die seit 2001 Kulturgüter erfasst, die infolge der NS-Gewaltherrschaft und des Zweiten Weltkrieges geraubt, verbracht oder verlagert wurden, zog sich durch nahezu alle Vorträge des Tages. Die Daten seien zu allgemein und erlaubten keine exakte Identifizierung. Enthalten seien auch Kunstwerke, die schon vor 1930 rechtmäßig verkauft wurden. Für einen Eintrag in die Lost-Art-Datenbank seien unbelegte Behauptungen ausreichend, im Falle von unberechtigten Forderungen sei hingegen die Streichung eines Eintrags nahezu unmöglich. Umso fataler erscheinen diese Kritikpunkte angesichts der zentralen Rolle, die der Lost-Art-Datenbank bei der Entscheidung von Restitutionsfällen zukomme. Die Datenbank habe „Erpressungspotenzial“, hoben Carl-Christoph Gebhardt und Dr. Christoph Andreas von der Frankfurter Kunsthandlung J. P. Schneider hervor. Dr. Christina Berking, Sprecherin der IG Kunsthandel, brachte es auf den Punkt: Sammler würden vom Staat, von der Öffentlichkeit zur Restitution „gedrängt“, „Hauptdruckmittel“ dazu sei der Eintrag in der Lost-Art-Datenbank.


 Was nun?

Am Ende eines langen und an Erkenntnissen reichen Tages fasste Christina Berking die prekäre Lage des Kunstmarktes zusammen. Bisher gebe es keinerlei verbindliche Lösungsansätze für die Restitution von NS-Raubkunst aus privater Hand. Hier müssten andere Maßstäbe angelegt werden als bei der Restitution von Kunstwerken aus Museen und Archiven. In die Limbach-Kommission, die bisher nur über Fälle öffentlicher Restitution beraten habe, müssten endlich auch Sammler und Händler aufgenommen werden. Bund und Länder seien in der Pflicht, ein Restitutionsgesetz zu erarbeiten, das die Gegebenheiten des Kunstmarktes und den privaten Erwerb von Kunstwerken mitberücksichtige und ein Gesetz zur Entschädigung mit einschließe. Bislang fehle allerdings der politische Wille dazu: „Der Staat bekommt die von ihm gewollte Restitution quasi zum Nulltarif.“
Das zwänge die Akteure des Kunstmarktes, die sich der Washingtoner Erklärung ebenso verpflichtet sehen wie die öffentlichen Institutionen, zum Handeln auf rechtlich unklarer Basis und unter stetig wachsendem öffentlichem Druck. Dabei ist die Beweislast nur in wenigen Fällen eindeutig zu klären. In 11 Fällen kam es laut Dr. Rupert Keim im Auktionshaus Karl & Faber in den vergangenen Jahren zu einer Restitution, obwohl die Beweise in keinem der Fälle eindeutig waren. Wichtig gewesen sei die Wiedergutmachung, das Anerkennen des geschehenen Unrechtes und die Herstellung des Rechtsfriedens.

Was brauchen die Nachfahren der Opfer und rechtmäßigen Eigentümer, was brauchen die heutigen Besitzer? Wie können beide an einen Tisch gebracht und wie kann für beide eine faire und gerechte Lösung gefunden werden? Der Handel habe in dieser drängenden Problematik eine wichtige, vermittelnde Funktion. Werde er in seiner Suche nach Lösungen weiterhin vom Staat allein gelassen, seien die Grenzen des Zumutbaren bald erreicht. Fair und gerecht – das gelte in jeglicher Hinsicht, für alle Beteiligten. „Wir haben heute keine Lösung gefunden, aber viele Lösungen diskutiert“, resümierte Christina Berking. Die Münchener Tagung war ein starkes, klares Signal des Kunsthandels, sich der Verantwortung der Geschichte gegenüber zu stellen und die daraus resultierenden Probleme gemeinsam in Angriff zu nehmen. Das lässt hoffen für die Zukunft.



>> Veröffentlicht auf der Website des Verbands Deutscher Antiquare e.V. (www.antiquare.de); in Englisch auf der Website der International League of Antiquarian Booksellers (www//ILAB//org)

8. Oktober 2019

Chopins Lehrer – Wer war Joseph Elsner?


Elsner, Joseph, Komponist (1769-1854). Eigenh. Brief mit U. Warschau, 12. III. 1823. 4°. 1 Seite. An den Ecken auf ein Trägerblatt montiert.

€ 2800,-

Von allergrößter Seltenheit! Kein weiteres Autograph von Elsner, dem Wegbereiter der polnischen Nationalbewegung, Entdecker, Lehrer und Förderer Frédéric Chopins ist uns bekannt. Empfehlungsschreiben für den polnischen Komponisten und Dirigent Karol Kurpinski (1785-1857) für eine Parisreise, wahrscheinlich an den ehemaligen Hofkapellmeister Napoleons, Jean Francois Le Sueur (1760-1837) gerichtet:

"Monsieur! Le porteur de ces lignes est Charles Kurpinski mon College, et Artiste Compositeur à grands talens. Daignez d'accorder à lui la même bienvielliance, avec laquelle, javois eu le bonheur d'avoir été reçue par Vous pendant mon Séjour à Paris l'an 1808. Je profite de son dèpart, de Vous repèter encore mes sentimens de la plus vive reconnoissance, dont mon coeur réstera pénétré à jamais, et de Vous prier de vouloir bien agréer l'assurance de la plus haute consideration, que l'on doit a vos grands mérites, et de la veneration intime - que je dois moi a votre personne toujours si chêre a ma mémoire, avec laquelle j['ai] l'honneur d'être Monsieur votre très humble et très obeissant Serviteur Joseph Elsner | Chevalier de l'ordre de S: Stanislaw e Recteur du Conservatoire de Musique." Darunter Zusatz von fremder Hand: "elsner | directeur de l'opéra membre de la société litteraire de Varsovie."


Elsner war seit 1799 Dirigent, später musikalischer Leiter des Warschauer Nationaltheaters und gründete im ministeriellen Auftrag in Warschau eine Schule für Musik und Gesang, aus der 1821 das Konservatorium hervorging. Er verfasste 46 Opern, Instrumental- und Kammermusik. Elsner hatte bereits 1804/05 zusammen mit E. T. A. Hoffmann in Warschau eine musikalische Gesellschaft gegründet. Als Lehrer und Vertrauter nimmt er eine besondere Rolle in der Biografie Chopins ein. Elsner beriet ihn vor allem in jungen Jahren bei ersten großen kompositorischen Schritten. Chopin nahm seit 1822 Privatunterricht in Musiktheorie und Komposition bei Joseph Elsner und konsultierte ihn bis zu seinem Abschluss 1829. - Karol Kurpinski wirkte ab 1810 mit Elsner am Warschauer Nationaltheater und wurde dort 1824 sein Nachfolger.  (52469)

>>> Interesse?

18. September 2019

Der seltenste Erstdruck eines Werkes von Stefan Zweig - aus dem Besitz von Gisella Selden-Goth

 Zweig, Stefan (1881-1942). Schachnovelle. Buenos Aires, Janos Peter Kramer, 1942. 8°. 97 Seiten, 1 Blatt. Braunes Originalleinen mit Rücken- und Deckeltitel. 

€ 9000,- 

Die überaus seltene Erstausgabe, in der noch selteneren römisch nummerierten Variante: Nr. XLIV von 50 römisch nummerierten Exemplaren.

Die nicht bis ins letzte Detail geklärte Druckgeschichte der "Schachnovelle", Zweigs letztes Werk vor seinem Freitod, geht von zwei Varianten der Erstausgabe aus. 250 broschierte Exemplare erschienen 1942 im Verlag "Pigmalión Bs. Aires", 50 Exemplare erschienen in Leinen gebunden bei "Janos Peter Kramer Buenos Aires". Dementsprechend heißt es im Impressum der vorliegenden Ausgabe: "Fünfzig Exemplare in Leinen gebunden tragen die Nummern I-L, zweihundert fünfzig Exemplare auf Offset C Papier gedruckt tragen die Nummern 1 bis 250". Beide Drucke wurden vom selben Stehsatz gedruckt, nur die Verlagsangabe wurde verändert. Bei der Pigmalion Ausgabe findet sich auf Seite [6] der Vermerk "Copyright by Verlag Pigmalion 1942", der bei der Ausgabe Kramer fehlt. Als Druckdatum ist auf der letzten Seite [99]  bei beiden Ausgaben genannt: "Buenos Aires, am 7. Dezember 1942". Manche Experten glauben aber, die hier vorliegende Leinenausgabe sei sogar noch vor der broschierten ausgegeben worden. Zweig jedenfalls hatte noch kurz vor seinem Tod am 23. Februar 1942 vier Typoskriptabschriften an verschiedene Verleger versandt.

János Peter Kramer, 1904 in Nürnberg geboren, wanderte 1929 nach Buenos Aires aus, wo er ab 1932 als Buchhändler, Verleger und Galerist tätig wurde. Als Verleger gab er bibliophile Kleinstauflagen heraus. 1940 schloß er Bekanntschaft mit  Stefan und Lotte Zweig sowie deren Verleger Alfredo Cahn. - Die in nur 50 Exemplaren ausgegebene Leinenausgabe der berühmten "Schachnovelle" ist der seltenste Erstdruck eines Werkes von Stefan Zweig. In deutschen Bibliotheken findet sich von dieser Leinenausgabe bei Kramer nur ein einziges Exemplar (im Exilarchiv der DNB Frankfurt). - Exilarchiv 6849. Klawiter 187. Vgl. Elke Rehder, Anmerkungen zur Schachnovelle, in: Aus dem Antiquariat, Heft 6, 2014, S. 273-79.


Innendeckel mit (musikalischem) "Ex libris Gisella Selden-Goth". Die Musikschriftstellerin, Komponistin und Musikautographen-Sammlerin Gisella Selden-Goth (1884-1971) lernte Stefan Zweig bei den Salzburger Festspielen kennen. 1923-38 lebte sie in Florenz, danach in New York. Stefan Zweigs Briefe an sie veröffentlichte sie 1964 ("Unbekannte Briefe aus der Emigration an eine Freundin"). - Dieses Exemplar war zuletzt 1988 im Handel. - Nach unserem erfolgreichen Verkauf der Nr. II dieses überaus seltenen Werkes ist uns überraschenderweise das vorliegende Exemplar angeboten worden.  (52392)

23. April 2019

Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?

- Eduard Fischer von Röslerstamm -


Staub in den Regalen – wie romantisch. Bücherfreunde träumen davon, in einem kleinen verstaubten Antiquariat ganz unten in einem großen verstaubten Bücherstapel in der hinterletzten verstaubten Ecke ein wertvolles Buch zu entdecken und darin  möglicherweise eine Widmung von Goethe, einen handschriftlichen Brief von Martin Luther, oder zumindest ein paar in Vergessenheit geratene Euro-Scheine, die irgendjemand darin vor dem Finanzamt verborgen hat. Antiquare leben mit dem Staub, sie unternehmen zumindest nichts gegen ihn. Dabei warnten schon die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts: Bücherstaub gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Autographensammler Eduard Fischer von Röslerstamm, geboren 1848 in Wien und Herausgeber der „Mittheilungen für Autographensammler“, wusste, wovon er sprach. Er besaß mehr als 15.000 Briefe und Manuskripte und war ein Vorbild für die damals „jungen“ Sammler wie Stefan Zweig und Eugen Wolbe. Im Jahr 1900 untersuchte Fischer von Röslerstamm in der “Zeitschrift für Bücherfreunde” anhand einer empirischen Analyse die Lebenserwartung von Sammlern, Bibliothekaren und Antiquaren untersuchte und stellte dabei die entscheidende Frage: „Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?“ 

Wenn man diese Frage einem Arzte vorlegen wollte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, dass er sie bejahend beantworten würde, und man kann sich ausmalen, mit wie viel Aufwand von Gelehrsamkeit entwickelt werden würde, dass der Staub der Bibliotheken sich aus so und so vielen schädlichen Substanzen zusammensetze, wenn nicht gar noch ein Bücherbazillus dadurch ans Licht gebracht werden dürfte. Und doch ist meines Wissens in keinem der langatmigen Fragebogen, welche die Lebens-Versicherungs-Gesellschaften ihren Klienten vorlegen, die Frage enthalten: ob sich der zu Versichernde besonders eifrig mit Büchern beschäftige, wodurch etwa eine den Bibliothekaren z. B. die Aufnahme erschwerende „Gefahr des Berufs“ konstruiert werden könnte.

Weder Arzt noch Lebensversicherungs-Statistiker, bin ich durch meine Beschäftigung mit Autographen darauf gekommen, in der Zeitschrift für Bücherfreunde auch einmal von den Bücherfreunden zu sprechen. Als ich unlängst zahlreiche Briefe von Bibliothekaren, Bibliographen, Verlegern in meine Sammlung einordnete, überraschte es mich, dass jede einzelne Persönlichkeit, mit der ich mich gerade beschäftigte, ein Lebensalter über Siebzig oder in die Achtziger hinein erreicht hatte. Diese zufällige Beobachtung reizte mich dazu an, eingehendere Nachforschungen anzustellen. Aus dem Zettelkataloge meiner Autographensammlung und aus Hilfsbüchern stellte ich die Lebensdaten von 222 Bibliographen und Bibliothekaren zusammen und fand, dass dieser Kategorie ein Durchschnittsalter von nahe an 69 Jahren zukommt. - Von Verlegern standen mir nicht so viele Daten zu Gebote, denn nicht nur von den Ältesten, die Verleger und Drucker zugleich waren, sondern auch von den späteren Buchhändlern, bis in unser Jahrhundert herab, wissen die biographischen Lexika häufig nur das Sterbejahr, aber nicht das Geburtsjahr anzuführen. Immerhin konnte ich mir auch aus diesem Kreise 105 Namen notieren; und mit dieser Zahl in die Summe der Jahre, die die Einzelnen erreicht hatten, dividiert: gab wieder 69 und noch einen Bruchteil darüber. Weitere Nachforschungen nach dem Durchschnitts-Lebensalter auch der Antiquarbuchhändler hätten mir vermutlich nicht allzuviel genützt, da ich nur wenig Material hätte auftreiben können. Es bedarf aber wohl keines statistischen Nachweises, um uns darüber zu versichern, dass die Antiquare inmitten ihrer alten Bücher selbst alt zu werden pflegen.

Ich bemerke, dass ich jedes nur aufstossende Datum sammelte, dass bei den obigen Ziffern also nicht nur Deutsche - diese sind freilich stärker vertreten - sondern auch andere Nationen berücksichtigt worden sind. Die französischen Bibliothekare und Bibliographen, für sich allein betrachtet, würden etwas unter dem Durchschnitt bleiben; die italienischen dagegen würden ihn erheblich übersteigen.

Dass das Landleben die Menschen nicht alt werden lässt, ist längst erwiesen; den wenigen Hundert- und über Hundertjährigen, welche die ländliche Bevölkerung aufweist, stehen ja so viele Bauern gegenüber, die eines frühen Todes sterben, weil sie sich bei der anstrengenden Feldarbeit, oder Förster, die sich bei einem Pirschgange oder bei einer Inspizierung der Holzarbeiter erkältet haben. Im allgemeinen gilt sogar, dass die Städter etwas länger leben als die Landbewohner, dass eben die bemittelten, gebildeten Stände in der Stadt es auf ein erheblich höheres Alter bringen als die den Unbilden und Schwankungen der Witterung mehr sich aussetzenden Einwohner des flachen Landes.

Unter den besser situierten Städtern zeichnen sich wieder besonders die Gelehrten durch Langlebigkeit aus. Die Statistiken wissen dies schon lange, - ich konnte mir aber bei ihnen keinen Rat holen, da sie gewiss nicht die Kategorien „Bibliographen“, „Bibliothekare“ unterscheiden, sondern, wenn sie nicht nur nach Gymnasiallehrern, Universitätsprofessoren, Privatgelehrten und dgl. klassifizieren, sondern auch Unterabteilungen, wie „Historiker“, „Philologen“ etc. aufstellen, die hauptsächlich mit Büchern beschäftigten Menschen ihrer Spezialwissenschaft, besonders den zwei genannten Disziplinen, zuweisen, und von Bibliophilen erst recht nichts wissen, da sie nur Berufe, aber nicht Liebhabereien verzeichnen. So musste ich denn, um meine den Büchern zugedachte Lebenserhaltungskraft nachzuweisen, mich noch überzeugen, ob nicht den Gelehrten überhaupt dasselbe Durchschnittsalter zukäme, wie den Bibliothekaren etc. Ich nahm mir zu diesem Zwecke in dem sehr handlichen Lexikon von Beeck (das leider keine neue Auflage erlebt hat), da ich doch nicht das ganze Alphabet durcharbeiten konnte, den Buchstaben „M“ vor, der mir bei allen Nationen ziemlich gleichmässig vertreten zu sein scheint, und zog die Gelehrten heraus. Meine Methode ist gewiss kaum über alle Anfechtungen erhaben, aber obwohl wenig Material vorhanden war, ergaben sich doch Resultate, die meine allerdings vorgefasste Meinung glänzend bestätigten.

Unter den ca. 230 Persönlichkeiten mit dem Buchstaben „M“ - Verschiedene, die sich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet haben, mussten doppelt oder mehrfach gezählt werden - wurden von mir 13 (ausschliesslich oder zugleich mit anderen Fächern) der Bibliotheks-Branche resp. den Bibliographen zugezählt; für sie ergiebt sich ein Durchschnittsalter von 74 Jahren. - Nun beachtet die Stufenreihe! Den reinen Büchermenschen mit einem Durchschnittsalter von 74 stehen am nächsten die Litterarhistoriker mit 71 Jahren, welche etwa 40 Prozent der Bibliothekare und Bibliographen liefern. Nächst ihnen rangieren die Philologen im engeren Sinne, die etwa 30 Prozent stellen, mit 69 Jahren; und um so tiefer, als das von mir ermittelte Durchschnittsalter der verschiedenen Gelehrten sinkt, desto geringer wird ihre Beteiligung an den rein bibliothekarischen und bibliographischen Arbeiten und desto weniger sind die einzelnen Fachgelehrten darauf angewiesen, die vorhandene Litteratur für ihre wissenschaftliche Arbeit zu benützen.

Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Büchern und der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen einen fördernden Einfluss auf die Lebensdauer zuzuschreiben. Die geregelte Lebensweise des viel über seinen Büchern Sitzenden, die Gemütsruhe, die in seiner Brust waltet, das Abgelenktsein von Störungen von ausserhalb, von Aufregungen, welche die Politik mit sich bringt: das Alles verlängert den .Bücherfreunden das Leben; aber dass den Büchern und dem Bibliothekenstaub eine absolut schädliche Wirkung auf die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen nicht nachgewiesen werden kann, dürfte aus meiner Statistik denn doch wohl hervorgehen.

Die Buchhändler resp. Verleger mit anderen kaufmännischen oder industriellen Unternehmern auf ihr Durchschnittsalter zu vergleichen, ist unmöglich, da die grossen Kaufleute und Industriellen - von Krämern und Handwerkern von vornherein abgesehen - in den biographischen Lexicis zu dünn gesäet sind; doch ist es wohl auch nicht nötig. Unsere reichen Handels- und Fabrikherrn, die sich pflegen können und die geschicktesten Ärzte und die heilkräftigsten Bäder zur Verfügung haben, um ihre wankende Gesundheit zu befestigen, stellen gewiss auch ein stattliches Kontingent zu der Zahl der Langlebigen, welche die Städte begünstigter erscheinen lassen dem Lande gegenüber. Aber die Leipziger Buchhändlerbörse bringt ihren Interessenten keine Aufregungen und Beängstigungen, wie die Schwankungen ihrer Namenskolleginnen auf dem Fonds- und Effekten-, auf dem Getreide- und Eisenmarkt deren Affilierten bereiten; und deshalb ist es gewiss kein Zufall, dass ich bei Denjenigen, die sich mit „zu lesenden“ Büchern beschäftigen, beinahe dasselbe hohe Durchschnittsalter antraf als bei Denjenigen konstatiert werden konnte, die „schon gelesene“ Bücher oder wenigstens solche, die schon längst hätten gelesen werden können, gewöhnlich in Händen haben.

Ich will noch anführen, dass ich meine aus dem Buchstaben „M“ genommenen Resultate in einem Falle, der die exakten Wissenschaften betrifft, übergreifen zu sollen glaubte. Da die einzigen zwei Neunziger, die Beeck unter den mit „M“ anfangenden Gelehrtennamen anführt, beide Astronomen sind (J. J. de Mairan und Cl. L. Mathieu), glaubte ich zu einer zu hohen Durchschnittsziffer für diese Kategorie gelangt zu sein. Ich schaffte mir deshalb aus dem Buchstaben B bei Beeck ein dreifach grösseres „Beobachtungsmaterial“, und in der That wurde das Durchschnittsalter der Astronomen, Mathematiker, Physiker, Chemiker nunmehr von 67 auf 66 Jahre herabgedrückt, was dem Verhältnisse, das zwischen diesen Gelehrten und alten Büchern besteht, besser entsprechen dürfte. Wenn es unter den Lesern dieses Aufsatzes besonders aufmerksame giebt, die sich mit mir darüber gewundert haben, dass die exakten Wissenschaften so hoch rangierten, so erfahren sie jetzt, an welcher Zufälligkeit das gelegen hat.

Natürlich verhehle ich mir durchaus nicht, dass meine Zahlen keinen „absoluten“ Wert besitzen, da in die biographischen Lexika und in die Autographensammlungen hauptsächlich diejenigen eindringen, welche lang genug lebten, um in ihrem Fache sich einen Namen zu erringen; da ferner weiter zu beachten ist, dass die eigentlichen Wissenschaften oft schon jungen Männern den Lorbeerkranz reichen, der ihnen auch durch einen frühen Tod nicht mehr entrissen wird, während in der Bibliographie gewöhnlich nur Jahrzehnte mühevoller Forschung einen lohnenden Erfolg gewähren. Das könnte ja immerhin einen einseitigen Einfluss auf meine Zahlen ausgeübt haben, aber ich bemerke denn doch, dass die Lebensdaten von Bibliothekaren gewöhnlich nicht verzeichnet werden, wenn die Betreffenden sich nicht in einem wissenschaftlichen Fache ausgezeichnet haben. Ich habe diese Bibliothekare also auch bei ihren eigentlichen Disziplinen noch berücksichtigt und dadurch das Durchschnittsalter vieler Kategorien verstärkt. Andrerseits wurden unter den Bibliographen von mir doch auch manche verzeichnet, welchen keine lange Arbeitszeit - ich erinnere nur an Hain - vergönnt war. Als Amanuensis o. dgl. sterben aber gewiss nicht mehr junge Gelehrte, als der Tod auch beispielsweise unter den Privatdozenten dahinrafft. Also „relativen“ Wert haben meine Zahlen gewiss, und dieser wird ihnen von den Lesern nicht aberkannt werden. Und so nehme ich von ihnen Abschied mit dem Wunsche, dass die jungen Bücherfreunde recht alt und die alten noch älter werden mögen.


Erstmals erschienen in “Zeitschrift für Bücherfreunde” (1900).

19. Dezember 2018

"Ihr Angebot beglückt stets köstlich"

Herzlichen Dank an Alexander Rauch für die Zusendung dieses wunderbaren Gedichtes:

Ihr Angebot beglückt stets köstlich,
die Briefe, östlich oder westlich,
und erst die vielen Autografen,
die jeden Grafen lügenstrafen,
der schrieb, als es noch kein Auto gab,
und dennoch Auto-Graf sich nennt.
Die Namen, die man weltweit kennt
sie liegen meist schon längst im Grab.
Ihr Geist jedoch, der geistert rum
noch immer bei dem Publikum,
das sammelt, selbst kaum weiß, warum.

Doch wer solch graues, altes Blatt
in den noch jüngern Händen hat,
das Goethe, Mozart, Meyerbeer
manch Künstler - oder sonst noch wer -
dereinst mit Herzensblut beschrieben,
der riecht am Duft der welken Blätter,
schließt die Augen, denkt, als hätt er
diesen Großen selbst beglückt
ehrfurchtsvoll die Hand gedrückt.

20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018. 

12. April 2018

Katalog 177 - "Mondmeer in Fenstern"

- von Barbara van Benthem -


"Ich möchte einsame Ruhe haben", danach sehnt sich Else Lasker-Schüler, W.G. Sebald spielt "Indianer" mit Herbert Achternbusch, für Ödön von Horváth sind Stierkämpfe "das widerlichste, ekelerregendste, was ich jemals gesehen habe". Thomas Mann ist "mit der Musik auf gutem Fuße" und Richard Strauss schwelgt in "Urlaub und Faulheit". Zweifellos, sobald das Wetter sonniger wird, wünschen wir uns Müßiggang und schöne Autographen. Von Letzteren bietet unser neuer Katalog 177 eine ganze Reihe äußerst seltener und interessanter Schriftstücke, darunter Briefe und Widmungsexemplare von Marie Curie, dem "ollen Chef" Erich Kästner, Rainer Maria Rilke, Max Nordau, Knut Hamsun, Edvard Grieg, C. F. Gellert, Stefan Zweig, Walter Benjamin, darüber hinaus Goethes Todesanzeige und eine absolute Rarität: ein seltener eigenhändiger Brief Voltaires, der eine Luxusausgabe des "Zadig ou La Destinée" trüffelt, gebunden in einen Meistereinband von Charles Meunier für den Büchersammler Fréderic Raisin. Schöner geht's nicht.

"Mondmeer in Fenstern" - Schöne Autographen. Katalog 177. Tutzing, April 2018.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de

22. März 2018

Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony"

- von Barbara van Benthem -


Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony",  "unaufgelöste Dissonanzen", Freitod - "Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth’ an Blüthe", schreibt Freiligrath in seinem Gedichtmanuskript und liefert damit den roten Faden, der fast alle der 86 angebotenen Briefe und Gedichtmanuskripte von Kurt Weill, Franz Liszt, Rainer Maria Rilke, C. F. Gellert, Edvard Grieg, Knut Hamsun, Conradin Kreutzer, Arno Schmidt, Igor Strawinsky, Ludwig Tieck, Else Lasker-Schüler (ungedruckt), Stefan Zweig u.v.a. durchzieht, die in Katalog 175 angeboten werden. Das menschliche Leben - und Schreiben - steckt voller Tragiken. Wernher von Braun gedenkt fern der Heimat seiner Heimat, Hans von Bülow befürchtet, "als Invalide auftreten zu müssen, der den löbl. philharmonischen Leierkasten dreht", Otto Hahn bekennt "Frl. Meitner habe ich auch angepflaumt" und Gottfried Keller liefert den aktuellen Wetterbericht: "unbeständig, zeitweise windig und regnerisch". Trotz oder gerade wegen dieses brieflich angesammelten alltäglichen Wahnsinns wünschen wir Ihnen ein Frohes Osterfest, endlich einen Frühlingsanfang und eine vergnügliche Lektüre unseren neuen Kataloges:

"O Sternenfall" - Briefe, Bücher, Gedichtmanuskripte. Katalog 175. Tutzing, März 2018. 36 Seiten.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de.

18. Dezember 2017

Die Kunst des Kompositums

- von Barbara van Benthem -

Donnerstag ist ein besonderer Tag. Donnerstag ist Buchhaltungstag. Donnerstag kommt Irmi und bringt die Buchhaltungsordner in Ordnung. Nur so zeigt sich der Steuerberater bereit, die Umsatzzahlen an das Finanzamt weiterzureichen, was zumeist zu einer Steuernachzahlung führt, die einen erneuten Buchungsbeleg generiert, den Irmi an einem der nächsten Donnerstage mit allen anderen Belegen aufs Neue abheftet. Was interessiert das Finanzamt Starnberg III schon die Schönheit der Briefe und Manuskripte von Thomas Mann oder Marcel Proust, wo doch ein Bewirtungsbeleg aus der Tutzinger Filmtaverne auch ein durchaus anständiges, eigenhändig signiertes Schriftstück mit gedrucktem Briefkopf darstellt? Noch dazu vorsteuerabzugsfähig. In Deutschland muss alles seine Ordnung haben, weshalb sich Antiquare mindestens einmal pro Woche mit Umsatzsteuervorauszahlungen, Gewerbesteuerpauschalen, Differenzbesteuerungen und Sozialversicherungsabgaben herumschlagen.


Für diese fiskalen Kalamitäten gibt es etwas, worum uns die englischsprachige Welt glühend beneidet: das deutsche Kompositum. Von den Sprachgesellschaftern um Justus Georg Schottelius und Kaspar Stieler im 17. Jahrhundert zur Mehrung der „Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs“ erfunden, hat die bundesdeutsche Regulierungswut des 21. Jahrhunderts das Kompositum zur Perfektion pervertiert. Nur die deutsche Sprache besitzt Wortungetüme wie Kulturgutschutzgesetz, Reisekostenabrechnungspauschale oder die sogenannte „innergemeinschaftliche mehrwertsteuerfreie Lieferung“ samt „Umsatzsteueridentifikationsnummer“, wofür das Englische gerade einmal drei Buchstaben übrig hat: VAT. 

Bald ist wieder Donnerstag. Manchmal wünschte ich, die Welt wäre so einfach wie im Antiquariat von Bernard Black im fernen, fiktiven London (von der Gaststättenrichtlinienverordnung einmal abgesehen).


10. August 2017

Wenn’s um die Wurst geht

- von Barbara van Benthem - 


Über eine bekannte Angebotsplattform für antiquarische Bücher erreichte uns kürzlich eine Anfrage. Der Kunde interessierte sich für einen Brief von Ernst Barlach. Wie immer hatten wir den Text transkribiert, die historischen Hintergründe des Briefes ebenso wie die Vergleichspreise der letzten, sagen wir, 20 Jahre, gründlich recherchiert und den Brief samt Inhalt und Adressaten so ausführlich wie möglich (und nötig) beschrieben. Nun war ein Foto gewünscht. Natürlich kamen wir diesem Wunsch gern nach, denn auch wenn jedes Foto eines Unikates dieses Unikat dem Mainstream etwas näher bringt, ist es verständlich, dass niemand die Katze im Sack kaufen möchte. Auf unsere umgehende Beantwortung der Bildanfrage flatterte uns ein Angebot ins Haus:

Sehr geehrte Frau van Benthem,

herzlichen Dank. Ich habe mir den Brief angesehen und wäre durchaus an einem Erwerb interessiert, halte aber den Preis für deutlich überhöht. So ist beispielsweise bei Ketterer ein Brief Barlachs an den Freund Leo Kestenberg inkl. beigelegtem Druck und Schreiben von Friedrich Dross für 759,- Euro versteigert worden.

Der von Ihnen angebotene Brief ist dagegen nicht nur deutlich kürzer, sondern auch relativ unpersönlich (ohne namentliche Anrede) an einen Geschäftspartner gerichtet. Ich könnte mir daher einen Betrag von maximal 500,- Euro als Kaufpreis (inklusive versichertem Versand) vorstellen. Falls dies für Sie von Interesse ist, lassen Sie es mich gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen aus XX


Unseren Barlach-Brief bieten wir nach reiflicher Überlegung für 1500 Euro an und halten diesen Preis keinesfalls für überzogen. Im Gegenteil. Noch bevor ich ob solcher Unverschämtheit schon frühmorgens an die Decke ging, ging mein Mann ins Büro, blätterte seine Recherchen durch und antwortete folgendermaßen:

Sehr geehrter Herr XX,

herzlichen Dank. Ich halte Ihr Angebot für deutlich unterschätzt. So ist beispielweise bei Stargardt (2011, Star 697, 514) ein Brief Ernst Barlachs an den Maler Hans Ralfs in der Heilanstalt Neustadt, Holstein (Güstrow 20.XII.1930, 2 S.) für 4800,- CHF versteigert worden. Ich könnte mir daher einen Betrag von mindestens 4000.- Euro als Kaufpreis (inklusive versichertem Versand) vorstellen. Falls dies für Sie von Interesse ist, lassen Sie es mich gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen vom Starnberger See


Man könnte nun des längeren und breiteren über die Unterschiede zwischen Auktions- und Antiquariatspreisen räsonieren. Man könnte in Rechnung stellen, dass der Ketterer-Preis aus dem Jahr 2003 stammt, also 14 Jahre alt ist, während der Stargardt-Preis aus dem Jahr 2011 näher an die Gegenwart heranreicht. Man könnte den Zuschlagspreisen Aufgelder und Mehrwertsteuern hinzurechnen, wodurch man bei 18 oder mehr Prozent Aufgeld und 19 Prozent Mehrwertsteuer auf Autographen (7 Prozent bei Büchern) schon in andere Regionen vordringt. Man kann die in einer Auktion suggerierte sensationelle Einmaligkeit des punktuellen Angebotes in Betracht ziehen, ganz ähnlich wie auf dem durch die Republik tourenden Hamburger Fischmarkt, auf dem Fisch Fiete immer noch einen drauf tut, „und noch einen! Und noch einen!“. Wir können auch ganz einfach nur darauf verweisen, dass eben manchmal per Zufall im selben Auktionssaal zwei oder mehrere Interessenten sitzen, die sich gegenseitig hochbieten, und manchmal per Zufall gar niemand der avisierten Interessenten erscheint und ein zufällig Glücklicher, der aus einem ganz anderen Kaufinteresse im Saal sitzt, mit einer glücklichen Zuckung in letzter Sekunde die Hand hebt und den Barlach, wie bei Ketterer, vor dem einsamen Rückgang in die Magazine rettet. Man könnte es aber auch lassen.

Wenn ich jetzt gleich Bratwürstchen für unseren Grillabend hole, werde ich nicht wie üblich „Servus und Grüß Gott“ sagen, sondern ich werde ein Angebot unterbreiten:

Liebe Frau Vogerl,

Ich habe mir ihr Angebot in der Wursttheke angesehen und wäre durchaus an einem Erwerb ausgewählter Stücke interessiert, halte aber den Preis für deutlich überhöht. So ist beispielsweise bei Aldi kürzlich ein fränkischer Bratwurstverschnitt inkl. beigelegter Zusatzstoffliste für 2,98 Euro verkauft worden.

Die von Ihnen angebotene Bratwurst ist dagegen nicht nur deutlich kürzer, sondern auch weniger reichhaltig (ohne namentliche Zusatzstoffe). Ich könnte mir daher einen Betrag von maximal 1,25 Euro als Kaufpreis (inklusive Einkaufstüte) vorstellen. Falls dies für Sie von Interesse ist, lassen Sie es mich gerne wissen.

Mit freundlichen Grüßen aus Tutzing, Ihre
Barbara van Benthem


Mal schauen, was sie sagt.

(Foto: Nevine Marchiset)

23. Mai 2017

Hans Schneider (1921-2017), Bayer und Sir: Sein Leben war die Musik und das Buch

- von Eberhard Köstler - 

Niemand hat in den letzten sechzig Jahren das deutsche Musikantiquariat so sehr verkörpert wie Hans Schneider. Man hat ihn für sein segensreiches Wirken mit Orden und Ehrentiteln überhäuft. Nun ist er - am 9. April 2017 - im Alter von 96 Jahren gestorben.


Im kleinen Ort Tutzing am Starnberger See hat er mit Blick über die südliche Seehälfte und auf die Alpenkette sein Geschäft mit Beharrlichkeit, profunder Kenntnis und Fingerspitzengefühl zum Erfolg geführt. Die gesamte musikwissenschaftliche und musikbibliothekarische Welt pilgerte zu ihm auf das in Tutzing so genannte „Schneider-Bergl“, dem Sitz eines der bedeutendsten Musikantiquariate der Welt.

Der von seinen Mitarbeitern liebevoll "Ha-Es" genannte Dr. Hans Schneider wurde am 23. Februar 1921 in Eichstätt geboren und gründete im Oktober 1949 nach Studien in München, Innsbruck und Uppsala am Starnberger See sein Musikantiquariat, dem er durch überragendes Wissen und kaufmännisches Geschick Weltgeltung verlieh. Die wichtigsten Musikautographen und Notendrucke gingen durch seine Hände, darunter Haydns "Lerchen"-Quartett, Mozarts Klaviervariationen KV 455, das Klarinetten-Konzert in Es von Carl Maria von Weber, der vollständige Text von Wagners „Lohengrin“ sowie zahlreiche Manuskripte und Briefe von Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Chopin, Liszt, Mendelssohn-Bartholdy, Reger, Schubert, Schumann, Verdi und vielen anderen. Auch ganze Bibliotheken hat Hans Schneider vermittelt. So gelangte etwa die Sammlung des berühmten Haydn-Forschers Anthony van Hoboken (1887-1983) über ihn in die Österreichische Nationalbibliothek. Über 480 Antiquariatskataloge, die von Sammlern und Wissenschaftlern als erstrangige Informationsquelle geschätzt werden, geben von dieser Tätigkeit Kunde.

Ein Hauptinteresse Schneiders war lebenslänglich die Musikbibliographie. Ein Grundsatz seiner Arbeit war, dass kein Musikdruck undatiert das Haus verlassen dürfe. Schon sein Kollege Jürgen Voerster stellte vor Jahren fest, Schneider habe "mehr Musikdrucke datiert und bibliografisch erfasst als die gesamte Fachwissenschaft".

Im Jahre 1958 ergänzte Hans Schneider sein Antiquariat durch einen  musikwissenschaftlichen Verlag, in dem er rund 1300 Monographien, Standardwerke und Zeitschriften publizierte. Dieses enorme verlegerische Schaffen, das der Antiquar sozusagen „im Nebenberuf“ bewältigte, wurde 2003 von H. Holzbauer in einem vierbändigen Katalog der Universitätsbibliothek Eichstätt gewürdigt und erschlossen. Aber auch als Musikforscher trat Hans Schneider hervor, mit bahnbrechenden Arbeiten über die Musikverlage von Heinrich Philipp Boßler (1744-1812), Johann Michael Götz (1740-1810) und Makarius Falter (1762-1843).

Zu Wien, der europäischen Hauptstadt der Musik, hatte Hans Schneider ganz besondere Bindungen. Die Österreichische Nationalbibliothek hat er ebenso mit seinen Schätzen bereichert wie das Archiv der "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien". Der Direktor dieses Archivs und langjährige Wegbegleiter Otto Biba hat in einer Gedenksendung des Klassik Radios Hans Schneider als "Antiquarius und Verleger ohnegleichen" anhand von ausgewählten Erwerbungen porträtiert und seine vielfältige Persönlichkeit sehr treffend als „Kombination aus Bayer und Sir“ charakterisiert.

Die Reihe seiner Verdienste (die Bundesrepubliken Deutschland und Österreich sowie Bayern verliehen ihm Verdienstorden, die Universität Eichstätt das Ehrendoktorat, die Gemeinde Tutzing die Ehrenbürgerschaft, zahllose Gesellschaften und Vereine Ehrenmitgliedschaften) wäre nicht komplett, ließe man den von skurrilen Einfällen und Wortspielen überbordenden, reich sprudelnden Humor Hans Schneiders außer Acht. Von Zeit und Zeit brach dieser sich in fingierten Antiquariatskatalogen Bahn, die zum Beispiel einer  "Musikbibliothek des Luxusdampfers Bremen" gewidmet waren.  So findet sich auch in seinem Nachlass ein graphischer Zyklus von Wolpertinger-Darstellungen, dessen künstlerischer Höhepunkt ein entzückender "Lebe Wol Pertinger" ist.

Nun  ist Hans Schneiders Lebensmusik ausgeklungen,  sein Lebensbuch ist geschlossen und wir sagen ein letztes Mal: "Lebe wohl, Hans Schneider".

20. Januar 2017

Ideale Liebe - Ideale Landschaft - Ideale Kunst

- von Barbara van Benthem -

Nackerte Barockengelchen in lasziven Posen, barbusige androgyne Schönheiten im Art Deco Ornament, sex without crime im Schäferidyll, und über allem schwebend ein gehörnter Ziegenbock ... Nein, man kann die Geschichte von Daphnis und Chloë auch ganz anders betrachten.


"Das Gedicht ist so schön, daß man den Eindruck davon, bei den schlechten Zuständen, in denen man lebt, nicht in sich behalten kann, und daß man immer von neuem erstaunt, wenn man es wieder liest." Goethe war in seinen Gesprächen mit Eckermann 1831 voll des Lobes für das Hirtengedicht des Longus, das er für ein Meisterwerk hielt, "worin Verstand, Kunst und Geschmack auf ihrem höchsten Gipfel erscheinen, und wogegen der gute Virgil freilich ein wenig zurücktritt".


"Daphnis und Chloë" ist das einzig bekannte Werk des griechischen Dichters Longus, das dieser gegen Ende des 2. Jahrhunderts auf der Insel Lesbos geschrieben haben soll, und zugleich die erste große bukolische Liebesgeschichte. Das Schäferidyll handelt von der erwachenden körperlichen Liebe der Findelkinder Daphnis und Chloë in einer heilen Welt. "Keine Spur von trüben Tagen, von Nebel, Wolken und Feuchtigkeit, sondern immer der blaueste, reinste Himmel, die anmutigste Luft und ein beständig trockener Boden, so daß man sich überall nackend hinlegen möchte. Das ganze Gedicht verrät die höchste Kunst und Kultur ... und eine Vollkommenheit und Delikatesse der Empfindung,die sich dem Besten gleichstellt, das je gemacht worden." Derart goetheanisch hochgelobt hatte "Daphnis und Chloë" 1831 längst den Siegeszug durch Malerei, Musik und Literatur angetreten.
1559 übersetzte Jacques Amyot "Daphnis und Chloë" ins Französische, worauf der Roman zur Grundlage der Schäferidyllen des Barocks und aller weiteren künstlerischen Adaptionen wurde. Bekannt sind heute die musikalischen Bearbeitungen von Maurice Ravel und Jacques Offenbach oder die herrlichen Malereien und Graphiken von Marc Chagall und Aristide Maillol. Auch eine Verfilmung gab es schon 1931 mit dem ersten griechischen Kinoklassiker von Orestis Laskos, dessen Nacktszenen für Furore sorgten. Vom 18. bis ins 20. Jahrhundert schufen Illustratoren, Typographen, Drucker und Buchbinder wie Philippe d'Orléans, Henri le Riche, Renée Sintenis, Otto Hettner, die Brüder Kleukens oder Susan Allix bibliophile Meisterwerke, in denen sie die Auffassung von idealer Liebe in idealer Landschaft nach den Vorgaben der idealen Kunst ihrer Zeit in Buchform brachten. Die beiden Liebenden auf Lesbos haben so auch ein Kapitel der Bibliophilie geschrieben. Dass ihre Geschichte "in der Altertumswissenschaft bis vor wenigen Jahrzehnten als voyeuristisch, ja sogar als pornographisch betrachtet wurde, dürfte seiner Popularität [dabei] eher genutzt als geschadet haben."



Der Graphiker Werner P. Hoffmann war ein leidenschaftlicher Sammler, der sich den verschiedensten Sujets gewidmet hat. Eine seiner Vorlieben galt "Daphnis und Chloë". Ihm und seiner Frau sei der Katalog zugeeignet, in dem wir einige der schönsten buchkünstlerischen Arbeiten über die ideale Liebe in idealer Landschaft vorstellen.


Daphnis und Chloë - Aus der Sammlung Werner P. Hoffmann. Katalog 160B. Eberhard Köstler Autographen & Bücher oHG. Tutzing, Januar 2017. Mit vielen Illustrationen. 

Gedruckter Katalog auf Anfrage, PDF-Katalog zum Download hier.

20. Dezember 2016

Compactus

- von Barbara van Benthem -

Manchmal fehlen sogar mir für längere Zeit die Worte. Zum Beispiel wenn der Vermieter eine Eigenbedarfskündigung ausspricht. Das ist immer schlimm, denn wer sucht schon gern nach der Stecknadel im Heuhaufen? Schlimm ist es erst recht, wenn man ein Antiquariat hat.

Nun gut, hellsichtige Wegbegleiter behaupten, wir hätten uns vor 16 Jahren auf Autographen spezialisiert, weil sie a) leicht zu lagern, b) leicht zu verpacken, c) leicht zu tragen sind. Der Buchantiquar ist entweder fit wie ein Turnschuh oder die größte Risikogruppe für Bandscheibenvorfälle, Plattfüße, Knieoperationen und Wirbelsäulendeformationen. So eine Bananenkiste wiegt eben. Und viele Bananenkisten wiegen noch mehr. Da klemmt sich ein(e) Autographenhändler(in) mal schnell einen oder zwei Ordner mit Bladeln (bayrisch für: Blätter, hochdeutsch: Manuskripte) unter den Arm, und fertig ist, zum Beispiel, die Vorbereitung einer Antiquariatsmesse. Wenn da nicht die Handbibliothek wäre.

Manche Kollegen sagen ja, man braucht sie nicht mehr. Die gute alte Handbibliothek. Steht doch alles im Internet. Warum die ohnehin deformierte Wirbelsäule bewegen, ans Regal gehen und nachschlagen, wenn man browsen und copy-and-pasten kann? Aber Bücher sind doch so schön, und Nachschlagewerke sind noch viel schöner. Darüber hinaus kann eine Brockhaus-Enzyklopädie, vertikal geschichtet, als Blumensockel oder Cocktailtisch dienen, Einzelbände der MGG machen sich trefflich als Türstopper. Und so eine Goethe-Gesamtausgabe über dem Türstock wirkt einfach … mächtig. Also haben wir mindestens 600 große Umzugskartons gepackt, was ohne die Hilfe eines unersetzlichen Freundes nicht zu schaffen gewesen wäre. Nun wartet die geleerte Compactus-Anlage auf Abholung …


… während wir die neuen Büros in Betrieb nehmen und zur Aufbesserung der Kriegskasse eine (der Kunst des Kompositums sei Dank) WEIHNACHTSJAHRESENDSONDERANGEBOTSLISTE mit einmaligen SUPERFESTTAGSUMZUGSSPEZIALRABATTEN verschicken - nur für unsere Stammkunden, gültig bis zum 31. Dezember 2016.

Bis dahin hoffen wir, die strapazierte Wirbelsäule begradigt zu haben, und verbleiben mit den besten Wünschen für ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gutes, erfolgreiches, fröhliches neues Jahr 2017. Wer zuvor noch einen Blick auf die WEIHNACHTSJAHRESENDSONDERANGEBOTSLISTE mit einmaligen SUPERFESTTAGSUMZUGSSPEZIALRABATTEN riskieren möchte, findet selbige --> hier.



26. Juli 2016

"Ulysses" nichts dagegen – Ein neues Verzeichnis von Franz Schuberts Erstausgaben

- von Eberhard Köstler -

Der Umfang des „Ulysses“ ist nichts dagegen. Michael Raabs nahezu 1000 Seiten starkes Verzeichnis von Franz Schuberts Werken in Erst- und Frühdrucken ist eine kolossale Bereicherung und keinesfalls nur ein elegantes Spielzeug für bibliographische Nerds. Den Spezialisten schließt es eine lange als schmerzlich empfundene musikbibliographische Lücke. Für Debütanten bietet vor allem Raabs ausführliche und scharfsichtige Einführung in sein opus magnum ein (dringend notwendiges) Lehrbuch des Musikantiquariates. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben.



Noch 2004 musste Ernst Hilmar in seinem Schubert-Lexikon konstatieren: "Die Erstdrucke von Schuberts Werken sind ... noch nicht vollständig bzw. systematisch erfaßt und beschrieben worden." (1)  Denn obwohl der Nestor der Schubert-Quellenforschung Otto Erich Deutsch (1883-1967) bereits 1926 einen vielversprechenden musikbibliographischen Versuch vorgelegt hatte (2), führte er dessen Ansätze in seinem Werkverzeichnis (3)  nicht konsequent fort. In seinem Versuch hatte er 1926 festgestellt, wie wichtig die diplomatische Wiedergabe der Musiktitel  sei, und er hatte auf Plattennummern, Verlagsadressen, Preisangaben, Titelillustrationen, Textveränderungen etc. als Datierungshilfe hingewiesen. Sein Werkverzeichnis verzeichnet die Erst- und Frühdrucke jedoch nur in sehr verkürzter Form. Hier nun schließt sich die neue Bibliographie von Michael Raab an. Sie beschreibt die Erst- und Frühdrucke von Schuberts Werken erstmals aufgrund von Autopsie aller ihm greifbaren Exemplare mit ihren Unterscheidungsmerkmalen und geht den Erscheinungsdaten mit Hilfe zeitgenössischer Anzeigen und anderer Quellen auf den Grund.

"Print on demand" galt vor 20 Jahren als dernier cri unten den Verlagen: geringe Materialkosten und leichte Lagerhaltung sprachen dafür. Erfunden wurde POD allerdings von den Musikverlegern der Schubertzeit: sie zogen von den Platten ihrer Drucke nur so viele Exemplare ab, wie sie glaubten, auf Anhieb verkaufen zu können. Erst wenn diese vergriffen waren, druckte man - oft mit kleinen Korrekturen - nach; auch wenn die nachfolgenden Tranchen in der Druckqualität abnahmen. Das ist nur eine von vielen wichtigen Erkenntnissen, welche von Michael Raabs Schubert-Drucke-Verzeichnis von der Ahnung zur Gewissheit erhoben werden.



16. Juni 2016

Gött(er)innendämmerung

- von Barbara van Benthem -

Ganz klar, wir sind keine Wagnerianer. Vor die Wahl gestellt, in „Rheingold“ oder in ein Konzert von Michael Wollny zu gehen, würden wir uns für Letzteres entscheiden. Dennoch wagnert es momentan bei uns zu Hause. Es wagnert sogar beträchtlich. Und das kam so. 

Auf unseren Schreibtischen lagen Briefe von Gabriele D’Annunzio aus Gardone und  Cosima Wagner aus Bayreuth.   


Die Briefe, die Cosima Wagner 1876 im Vorfeld der ersten Bayreuther Festspiele an Rudolph von Liechtenstein (1838-1908) auf Schloss Neulengbach bei Wien schrieb, sind überbordend reich an Atmosphäre. „Seit zehn Tagen leben wir das absonderlichste Leben dass man sich vorstellen kann, ich möchte es schön finden, wenn die Kraft mir dazu geblieben wäre. Mit der erstaunlichsten Pünktlichkeit sind alle Mitwirkenden eingetroffen, und Probleme welche noch an dem Vorabend der Proben für unlösbar galten, sind in heiterem Enthusiasmus gelöst, wie z.b. das Schwimmende Singen der Rheintöchter, das Klettern des Alberich. Als die erste Arrangir-Probe der Rheinscene vorbei war, brach das zusehende Orchester in einem Jubel aus wie ich es noch nicht, von dem grössten Auditorium gehört. Unbeschreiblich klingt das Orchester, und der blosse Eintritt in das Theater wirkt so magisch, feierlich erhaben, dass wir alle sprachlos ergriffen davon waren.“ Man fiebert mit bei den Proben zu „Rheingold“. Was nehmen sich die kapriziösen Sopranistinnen nur heraus? Wo bleibt endlich die „Sarazenin“? Wie traurig, dass der 32. Sultan der Osmanen Abdülaziz sterben musste, kurz bevor der spendable Sponsor der „erneuerten Olympischen Spiele in Bayreuth“ deren feierliche Eröffnung miterleben konnte! Was tun gegen die Zahnschmerzen und den nervösen Katarrh des „Meisters“,  dem weltliche Musikagenten die „Walküre als Cassenstück“ entreißen wollen? Finanzielle Engpässe, Eintrittskarten, Gästelisten, Menupläne, das Heranwachsen der Kinder Blandine, Daniela, Isolde, Eva und Siegfried, deren Väter Hans von Bülow und/oder Richard Wagner waren, all das kommentiert Cosima ausführlich - aber auch ihre eigene Geschichte, das distanzierte Verhältnis zum Vater Franz Liszt und zur Mutter Marie d’Agoult in Paris, von deren Tod die Tochter erst zwei Tage später, am 7. März 1876, durch die Zeitung erfuhr, und über allem immer wieder „sein Wirken, sein Lebensziel“. Die in freundlich-resolutem Ton geschriebenen Briefe lassen keinen Zweifel: Wahnfrieds Genius war „der Meister“, seine Managerin war Cosima.


1. Juni 2016

Eberhard Köstler Autographen & Bücher

Zeit, dass wir uns vorstellen ...

"Wir" - das sind Barbara van Benthem und Eberhard Köstler aus Tutzing am Starnberger See. "Wir" sind Antiquare und spezialisiert auf Autographen, Manuskripte und Dokumente von historischem, künstlerischem und wissenschaftlichem Interesse.

In zehn bis zwölf meist monatlich erscheinenden Katalogen empfehlen wir eine Auswahl schöner, bedeutender und seltener Autographen. Besonderen Wert legen wir auf die ausführliche Beschreibung der angebotenen Objekte und die exakte Transkription der Handschriften. Darüber hinaus publizieren wir Sammlungskataloge und erstellen individuelle Angebote zu bestimmten Themen, Epochen oder historischen Persönlichkeiten. Privatsammler im In- und Ausland sowie zahlreiche Institutionen - Akademien, Archive, Bibliotheken, Museen - gehören zu unseren Kunden. Wir helfen bei der Komplettierung von Sammlungen und beraten beim Erwerb oder Verkauf wertvoller Einzelstücke, übernehmen Auktionsaufträge, fertigen Schätzungen und Gutachten an.

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