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23. April 2019

Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?

- Eduard Fischer von Röslerstamm -


Staub in den Regalen – wie romantisch. Bücherfreunde träumen davon, in einem kleinen verstaubten Antiquariat ganz unten in einem großen verstaubten Bücherstapel in der hinterletzten verstaubten Ecke ein wertvolles Buch zu entdecken und darin  möglicherweise eine Widmung von Goethe, einen handschriftlichen Brief von Martin Luther, oder zumindest ein paar in Vergessenheit geratene Euro-Scheine, die irgendjemand darin vor dem Finanzamt verborgen hat. Antiquare leben mit dem Staub, sie unternehmen zumindest nichts gegen ihn. Dabei warnten schon die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts: Bücherstaub gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Autographensammler Eduard Fischer von Röslerstamm, geboren 1848 in Wien und Herausgeber der „Mittheilungen für Autographensammler“, wusste, wovon er sprach. Er besaß mehr als 15.000 Briefe und Manuskripte und war ein Vorbild für die damals „jungen“ Sammler wie Stefan Zweig und Eugen Wolbe. Im Jahr 1900 untersuchte Fischer von Röslerstamm in der “Zeitschrift für Bücherfreunde” anhand einer empirischen Analyse die Lebenserwartung von Sammlern, Bibliothekaren und Antiquaren untersuchte und stellte dabei die entscheidende Frage: „Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?“ 

Wenn man diese Frage einem Arzte vorlegen wollte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, dass er sie bejahend beantworten würde, und man kann sich ausmalen, mit wie viel Aufwand von Gelehrsamkeit entwickelt werden würde, dass der Staub der Bibliotheken sich aus so und so vielen schädlichen Substanzen zusammensetze, wenn nicht gar noch ein Bücherbazillus dadurch ans Licht gebracht werden dürfte. Und doch ist meines Wissens in keinem der langatmigen Fragebogen, welche die Lebens-Versicherungs-Gesellschaften ihren Klienten vorlegen, die Frage enthalten: ob sich der zu Versichernde besonders eifrig mit Büchern beschäftige, wodurch etwa eine den Bibliothekaren z. B. die Aufnahme erschwerende „Gefahr des Berufs“ konstruiert werden könnte.

Weder Arzt noch Lebensversicherungs-Statistiker, bin ich durch meine Beschäftigung mit Autographen darauf gekommen, in der Zeitschrift für Bücherfreunde auch einmal von den Bücherfreunden zu sprechen. Als ich unlängst zahlreiche Briefe von Bibliothekaren, Bibliographen, Verlegern in meine Sammlung einordnete, überraschte es mich, dass jede einzelne Persönlichkeit, mit der ich mich gerade beschäftigte, ein Lebensalter über Siebzig oder in die Achtziger hinein erreicht hatte. Diese zufällige Beobachtung reizte mich dazu an, eingehendere Nachforschungen anzustellen. Aus dem Zettelkataloge meiner Autographensammlung und aus Hilfsbüchern stellte ich die Lebensdaten von 222 Bibliographen und Bibliothekaren zusammen und fand, dass dieser Kategorie ein Durchschnittsalter von nahe an 69 Jahren zukommt. - Von Verlegern standen mir nicht so viele Daten zu Gebote, denn nicht nur von den Ältesten, die Verleger und Drucker zugleich waren, sondern auch von den späteren Buchhändlern, bis in unser Jahrhundert herab, wissen die biographischen Lexika häufig nur das Sterbejahr, aber nicht das Geburtsjahr anzuführen. Immerhin konnte ich mir auch aus diesem Kreise 105 Namen notieren; und mit dieser Zahl in die Summe der Jahre, die die Einzelnen erreicht hatten, dividiert: gab wieder 69 und noch einen Bruchteil darüber. Weitere Nachforschungen nach dem Durchschnitts-Lebensalter auch der Antiquarbuchhändler hätten mir vermutlich nicht allzuviel genützt, da ich nur wenig Material hätte auftreiben können. Es bedarf aber wohl keines statistischen Nachweises, um uns darüber zu versichern, dass die Antiquare inmitten ihrer alten Bücher selbst alt zu werden pflegen.

Ich bemerke, dass ich jedes nur aufstossende Datum sammelte, dass bei den obigen Ziffern also nicht nur Deutsche - diese sind freilich stärker vertreten - sondern auch andere Nationen berücksichtigt worden sind. Die französischen Bibliothekare und Bibliographen, für sich allein betrachtet, würden etwas unter dem Durchschnitt bleiben; die italienischen dagegen würden ihn erheblich übersteigen.

Dass das Landleben die Menschen nicht alt werden lässt, ist längst erwiesen; den wenigen Hundert- und über Hundertjährigen, welche die ländliche Bevölkerung aufweist, stehen ja so viele Bauern gegenüber, die eines frühen Todes sterben, weil sie sich bei der anstrengenden Feldarbeit, oder Förster, die sich bei einem Pirschgange oder bei einer Inspizierung der Holzarbeiter erkältet haben. Im allgemeinen gilt sogar, dass die Städter etwas länger leben als die Landbewohner, dass eben die bemittelten, gebildeten Stände in der Stadt es auf ein erheblich höheres Alter bringen als die den Unbilden und Schwankungen der Witterung mehr sich aussetzenden Einwohner des flachen Landes.

Unter den besser situierten Städtern zeichnen sich wieder besonders die Gelehrten durch Langlebigkeit aus. Die Statistiken wissen dies schon lange, - ich konnte mir aber bei ihnen keinen Rat holen, da sie gewiss nicht die Kategorien „Bibliographen“, „Bibliothekare“ unterscheiden, sondern, wenn sie nicht nur nach Gymnasiallehrern, Universitätsprofessoren, Privatgelehrten und dgl. klassifizieren, sondern auch Unterabteilungen, wie „Historiker“, „Philologen“ etc. aufstellen, die hauptsächlich mit Büchern beschäftigten Menschen ihrer Spezialwissenschaft, besonders den zwei genannten Disziplinen, zuweisen, und von Bibliophilen erst recht nichts wissen, da sie nur Berufe, aber nicht Liebhabereien verzeichnen. So musste ich denn, um meine den Büchern zugedachte Lebenserhaltungskraft nachzuweisen, mich noch überzeugen, ob nicht den Gelehrten überhaupt dasselbe Durchschnittsalter zukäme, wie den Bibliothekaren etc. Ich nahm mir zu diesem Zwecke in dem sehr handlichen Lexikon von Beeck (das leider keine neue Auflage erlebt hat), da ich doch nicht das ganze Alphabet durcharbeiten konnte, den Buchstaben „M“ vor, der mir bei allen Nationen ziemlich gleichmässig vertreten zu sein scheint, und zog die Gelehrten heraus. Meine Methode ist gewiss kaum über alle Anfechtungen erhaben, aber obwohl wenig Material vorhanden war, ergaben sich doch Resultate, die meine allerdings vorgefasste Meinung glänzend bestätigten.

Unter den ca. 230 Persönlichkeiten mit dem Buchstaben „M“ - Verschiedene, die sich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet haben, mussten doppelt oder mehrfach gezählt werden - wurden von mir 13 (ausschliesslich oder zugleich mit anderen Fächern) der Bibliotheks-Branche resp. den Bibliographen zugezählt; für sie ergiebt sich ein Durchschnittsalter von 74 Jahren. - Nun beachtet die Stufenreihe! Den reinen Büchermenschen mit einem Durchschnittsalter von 74 stehen am nächsten die Litterarhistoriker mit 71 Jahren, welche etwa 40 Prozent der Bibliothekare und Bibliographen liefern. Nächst ihnen rangieren die Philologen im engeren Sinne, die etwa 30 Prozent stellen, mit 69 Jahren; und um so tiefer, als das von mir ermittelte Durchschnittsalter der verschiedenen Gelehrten sinkt, desto geringer wird ihre Beteiligung an den rein bibliothekarischen und bibliographischen Arbeiten und desto weniger sind die einzelnen Fachgelehrten darauf angewiesen, die vorhandene Litteratur für ihre wissenschaftliche Arbeit zu benützen.

Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Büchern und der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen einen fördernden Einfluss auf die Lebensdauer zuzuschreiben. Die geregelte Lebensweise des viel über seinen Büchern Sitzenden, die Gemütsruhe, die in seiner Brust waltet, das Abgelenktsein von Störungen von ausserhalb, von Aufregungen, welche die Politik mit sich bringt: das Alles verlängert den .Bücherfreunden das Leben; aber dass den Büchern und dem Bibliothekenstaub eine absolut schädliche Wirkung auf die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen nicht nachgewiesen werden kann, dürfte aus meiner Statistik denn doch wohl hervorgehen.

Die Buchhändler resp. Verleger mit anderen kaufmännischen oder industriellen Unternehmern auf ihr Durchschnittsalter zu vergleichen, ist unmöglich, da die grossen Kaufleute und Industriellen - von Krämern und Handwerkern von vornherein abgesehen - in den biographischen Lexicis zu dünn gesäet sind; doch ist es wohl auch nicht nötig. Unsere reichen Handels- und Fabrikherrn, die sich pflegen können und die geschicktesten Ärzte und die heilkräftigsten Bäder zur Verfügung haben, um ihre wankende Gesundheit zu befestigen, stellen gewiss auch ein stattliches Kontingent zu der Zahl der Langlebigen, welche die Städte begünstigter erscheinen lassen dem Lande gegenüber. Aber die Leipziger Buchhändlerbörse bringt ihren Interessenten keine Aufregungen und Beängstigungen, wie die Schwankungen ihrer Namenskolleginnen auf dem Fonds- und Effekten-, auf dem Getreide- und Eisenmarkt deren Affilierten bereiten; und deshalb ist es gewiss kein Zufall, dass ich bei Denjenigen, die sich mit „zu lesenden“ Büchern beschäftigen, beinahe dasselbe hohe Durchschnittsalter antraf als bei Denjenigen konstatiert werden konnte, die „schon gelesene“ Bücher oder wenigstens solche, die schon längst hätten gelesen werden können, gewöhnlich in Händen haben.

Ich will noch anführen, dass ich meine aus dem Buchstaben „M“ genommenen Resultate in einem Falle, der die exakten Wissenschaften betrifft, übergreifen zu sollen glaubte. Da die einzigen zwei Neunziger, die Beeck unter den mit „M“ anfangenden Gelehrtennamen anführt, beide Astronomen sind (J. J. de Mairan und Cl. L. Mathieu), glaubte ich zu einer zu hohen Durchschnittsziffer für diese Kategorie gelangt zu sein. Ich schaffte mir deshalb aus dem Buchstaben B bei Beeck ein dreifach grösseres „Beobachtungsmaterial“, und in der That wurde das Durchschnittsalter der Astronomen, Mathematiker, Physiker, Chemiker nunmehr von 67 auf 66 Jahre herabgedrückt, was dem Verhältnisse, das zwischen diesen Gelehrten und alten Büchern besteht, besser entsprechen dürfte. Wenn es unter den Lesern dieses Aufsatzes besonders aufmerksame giebt, die sich mit mir darüber gewundert haben, dass die exakten Wissenschaften so hoch rangierten, so erfahren sie jetzt, an welcher Zufälligkeit das gelegen hat.

Natürlich verhehle ich mir durchaus nicht, dass meine Zahlen keinen „absoluten“ Wert besitzen, da in die biographischen Lexika und in die Autographensammlungen hauptsächlich diejenigen eindringen, welche lang genug lebten, um in ihrem Fache sich einen Namen zu erringen; da ferner weiter zu beachten ist, dass die eigentlichen Wissenschaften oft schon jungen Männern den Lorbeerkranz reichen, der ihnen auch durch einen frühen Tod nicht mehr entrissen wird, während in der Bibliographie gewöhnlich nur Jahrzehnte mühevoller Forschung einen lohnenden Erfolg gewähren. Das könnte ja immerhin einen einseitigen Einfluss auf meine Zahlen ausgeübt haben, aber ich bemerke denn doch, dass die Lebensdaten von Bibliothekaren gewöhnlich nicht verzeichnet werden, wenn die Betreffenden sich nicht in einem wissenschaftlichen Fache ausgezeichnet haben. Ich habe diese Bibliothekare also auch bei ihren eigentlichen Disziplinen noch berücksichtigt und dadurch das Durchschnittsalter vieler Kategorien verstärkt. Andrerseits wurden unter den Bibliographen von mir doch auch manche verzeichnet, welchen keine lange Arbeitszeit - ich erinnere nur an Hain - vergönnt war. Als Amanuensis o. dgl. sterben aber gewiss nicht mehr junge Gelehrte, als der Tod auch beispielsweise unter den Privatdozenten dahinrafft. Also „relativen“ Wert haben meine Zahlen gewiss, und dieser wird ihnen von den Lesern nicht aberkannt werden. Und so nehme ich von ihnen Abschied mit dem Wunsche, dass die jungen Bücherfreunde recht alt und die alten noch älter werden mögen.


Erstmals erschienen in “Zeitschrift für Bücherfreunde” (1900).

24. Juli 2018

Analoge Autographen - online bestellen

- von Barbara van Benthem -



Über 5000 seltene Briefe und Manuskripte berühmter Persönlichkeiten sowie zahlreiche preiswerte Sonderangebote, ab sofort in unserem ONLINE-SHOP.

Wir danken dem Weltanschauungsobjekt, der Grille und vor allem Karsten Gnettner und dem Trio Nautico für die wunderbare Musik zum Video.

20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018. 

22. März 2018

Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony"

- von Barbara van Benthem -


Liebesbriefe an ein "kleines Sexpony",  "unaufgelöste Dissonanzen", Freitod - "Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth’ an Blüthe", schreibt Freiligrath in seinem Gedichtmanuskript und liefert damit den roten Faden, der fast alle der 86 angebotenen Briefe und Gedichtmanuskripte von Kurt Weill, Franz Liszt, Rainer Maria Rilke, C. F. Gellert, Edvard Grieg, Knut Hamsun, Conradin Kreutzer, Arno Schmidt, Igor Strawinsky, Ludwig Tieck, Else Lasker-Schüler (ungedruckt), Stefan Zweig u.v.a. durchzieht, die in Katalog 175 angeboten werden. Das menschliche Leben - und Schreiben - steckt voller Tragiken. Wernher von Braun gedenkt fern der Heimat seiner Heimat, Hans von Bülow befürchtet, "als Invalide auftreten zu müssen, der den löbl. philharmonischen Leierkasten dreht", Otto Hahn bekennt "Frl. Meitner habe ich auch angepflaumt" und Gottfried Keller liefert den aktuellen Wetterbericht: "unbeständig, zeitweise windig und regnerisch". Trotz oder gerade wegen dieses brieflich angesammelten alltäglichen Wahnsinns wünschen wir Ihnen ein Frohes Osterfest, endlich einen Frühlingsanfang und eine vergnügliche Lektüre unseren neuen Kataloges:

"O Sternenfall" - Briefe, Bücher, Gedichtmanuskripte. Katalog 175. Tutzing, März 2018. 36 Seiten.

Mehr dazu in diesem Theater: www.autographs.de.

18. Dezember 2017

Die Kunst des Kompositums

- von Barbara van Benthem -

Donnerstag ist ein besonderer Tag. Donnerstag ist Buchhaltungstag. Donnerstag kommt Irmi und bringt die Buchhaltungsordner in Ordnung. Nur so zeigt sich der Steuerberater bereit, die Umsatzzahlen an das Finanzamt weiterzureichen, was zumeist zu einer Steuernachzahlung führt, die einen erneuten Buchungsbeleg generiert, den Irmi an einem der nächsten Donnerstage mit allen anderen Belegen aufs Neue abheftet. Was interessiert das Finanzamt Starnberg III schon die Schönheit der Briefe und Manuskripte von Thomas Mann oder Marcel Proust, wo doch ein Bewirtungsbeleg aus der Tutzinger Filmtaverne auch ein durchaus anständiges, eigenhändig signiertes Schriftstück mit gedrucktem Briefkopf darstellt? Noch dazu vorsteuerabzugsfähig. In Deutschland muss alles seine Ordnung haben, weshalb sich Antiquare mindestens einmal pro Woche mit Umsatzsteuervorauszahlungen, Gewerbesteuerpauschalen, Differenzbesteuerungen und Sozialversicherungsabgaben herumschlagen.


Für diese fiskalen Kalamitäten gibt es etwas, worum uns die englischsprachige Welt glühend beneidet: das deutsche Kompositum. Von den Sprachgesellschaftern um Justus Georg Schottelius und Kaspar Stieler im 17. Jahrhundert zur Mehrung der „Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs“ erfunden, hat die bundesdeutsche Regulierungswut des 21. Jahrhunderts das Kompositum zur Perfektion pervertiert. Nur die deutsche Sprache besitzt Wortungetüme wie Kulturgutschutzgesetz, Reisekostenabrechnungspauschale oder die sogenannte „innergemeinschaftliche mehrwertsteuerfreie Lieferung“ samt „Umsatzsteueridentifikationsnummer“, wofür das Englische gerade einmal drei Buchstaben übrig hat: VAT. 

Bald ist wieder Donnerstag. Manchmal wünschte ich, die Welt wäre so einfach wie im Antiquariat von Bernard Black im fernen, fiktiven London (von der Gaststättenrichtlinienverordnung einmal abgesehen).


20. Dezember 2016

Compactus

- von Barbara van Benthem -

Manchmal fehlen sogar mir für längere Zeit die Worte. Zum Beispiel wenn der Vermieter eine Eigenbedarfskündigung ausspricht. Das ist immer schlimm, denn wer sucht schon gern nach der Stecknadel im Heuhaufen? Schlimm ist es erst recht, wenn man ein Antiquariat hat.

Nun gut, hellsichtige Wegbegleiter behaupten, wir hätten uns vor 16 Jahren auf Autographen spezialisiert, weil sie a) leicht zu lagern, b) leicht zu verpacken, c) leicht zu tragen sind. Der Buchantiquar ist entweder fit wie ein Turnschuh oder die größte Risikogruppe für Bandscheibenvorfälle, Plattfüße, Knieoperationen und Wirbelsäulendeformationen. So eine Bananenkiste wiegt eben. Und viele Bananenkisten wiegen noch mehr. Da klemmt sich ein(e) Autographenhändler(in) mal schnell einen oder zwei Ordner mit Bladeln (bayrisch für: Blätter, hochdeutsch: Manuskripte) unter den Arm, und fertig ist, zum Beispiel, die Vorbereitung einer Antiquariatsmesse. Wenn da nicht die Handbibliothek wäre.

Manche Kollegen sagen ja, man braucht sie nicht mehr. Die gute alte Handbibliothek. Steht doch alles im Internet. Warum die ohnehin deformierte Wirbelsäule bewegen, ans Regal gehen und nachschlagen, wenn man browsen und copy-and-pasten kann? Aber Bücher sind doch so schön, und Nachschlagewerke sind noch viel schöner. Darüber hinaus kann eine Brockhaus-Enzyklopädie, vertikal geschichtet, als Blumensockel oder Cocktailtisch dienen, Einzelbände der MGG machen sich trefflich als Türstopper. Und so eine Goethe-Gesamtausgabe über dem Türstock wirkt einfach … mächtig. Also haben wir mindestens 600 große Umzugskartons gepackt, was ohne die Hilfe eines unersetzlichen Freundes nicht zu schaffen gewesen wäre. Nun wartet die geleerte Compactus-Anlage auf Abholung …


… während wir die neuen Büros in Betrieb nehmen und zur Aufbesserung der Kriegskasse eine (der Kunst des Kompositums sei Dank) WEIHNACHTSJAHRESENDSONDERANGEBOTSLISTE mit einmaligen SUPERFESTTAGSUMZUGSSPEZIALRABATTEN verschicken - nur für unsere Stammkunden, gültig bis zum 31. Dezember 2016.

Bis dahin hoffen wir, die strapazierte Wirbelsäule begradigt zu haben, und verbleiben mit den besten Wünschen für ein friedvolles Weihnachtsfest und ein gutes, erfolgreiches, fröhliches neues Jahr 2017. Wer zuvor noch einen Blick auf die WEIHNACHTSJAHRESENDSONDERANGEBOTSLISTE mit einmaligen SUPERFESTTAGSUMZUGSSPEZIALRABATTEN riskieren möchte, findet selbige --> hier.



16. Juni 2016

Gött(er)innendämmerung

- von Barbara van Benthem -

Ganz klar, wir sind keine Wagnerianer. Vor die Wahl gestellt, in „Rheingold“ oder in ein Konzert von Michael Wollny zu gehen, würden wir uns für Letzteres entscheiden. Dennoch wagnert es momentan bei uns zu Hause. Es wagnert sogar beträchtlich. Und das kam so. 

Auf unseren Schreibtischen lagen Briefe von Gabriele D’Annunzio aus Gardone und  Cosima Wagner aus Bayreuth.   


Die Briefe, die Cosima Wagner 1876 im Vorfeld der ersten Bayreuther Festspiele an Rudolph von Liechtenstein (1838-1908) auf Schloss Neulengbach bei Wien schrieb, sind überbordend reich an Atmosphäre. „Seit zehn Tagen leben wir das absonderlichste Leben dass man sich vorstellen kann, ich möchte es schön finden, wenn die Kraft mir dazu geblieben wäre. Mit der erstaunlichsten Pünktlichkeit sind alle Mitwirkenden eingetroffen, und Probleme welche noch an dem Vorabend der Proben für unlösbar galten, sind in heiterem Enthusiasmus gelöst, wie z.b. das Schwimmende Singen der Rheintöchter, das Klettern des Alberich. Als die erste Arrangir-Probe der Rheinscene vorbei war, brach das zusehende Orchester in einem Jubel aus wie ich es noch nicht, von dem grössten Auditorium gehört. Unbeschreiblich klingt das Orchester, und der blosse Eintritt in das Theater wirkt so magisch, feierlich erhaben, dass wir alle sprachlos ergriffen davon waren.“ Man fiebert mit bei den Proben zu „Rheingold“. Was nehmen sich die kapriziösen Sopranistinnen nur heraus? Wo bleibt endlich die „Sarazenin“? Wie traurig, dass der 32. Sultan der Osmanen Abdülaziz sterben musste, kurz bevor der spendable Sponsor der „erneuerten Olympischen Spiele in Bayreuth“ deren feierliche Eröffnung miterleben konnte! Was tun gegen die Zahnschmerzen und den nervösen Katarrh des „Meisters“,  dem weltliche Musikagenten die „Walküre als Cassenstück“ entreißen wollen? Finanzielle Engpässe, Eintrittskarten, Gästelisten, Menupläne, das Heranwachsen der Kinder Blandine, Daniela, Isolde, Eva und Siegfried, deren Väter Hans von Bülow und/oder Richard Wagner waren, all das kommentiert Cosima ausführlich - aber auch ihre eigene Geschichte, das distanzierte Verhältnis zum Vater Franz Liszt und zur Mutter Marie d’Agoult in Paris, von deren Tod die Tochter erst zwei Tage später, am 7. März 1876, durch die Zeitung erfuhr, und über allem immer wieder „sein Wirken, sein Lebensziel“. Die in freundlich-resolutem Ton geschriebenen Briefe lassen keinen Zweifel: Wahnfrieds Genius war „der Meister“, seine Managerin war Cosima.


1. Juni 2016

Eberhard Köstler Autographen & Bücher

Zeit, dass wir uns vorstellen ...

"Wir" - das sind Barbara van Benthem und Eberhard Köstler aus Tutzing am Starnberger See. "Wir" sind Antiquare und spezialisiert auf Autographen, Manuskripte und Dokumente von historischem, künstlerischem und wissenschaftlichem Interesse.

In zehn bis zwölf meist monatlich erscheinenden Katalogen empfehlen wir eine Auswahl schöner, bedeutender und seltener Autographen. Besonderen Wert legen wir auf die ausführliche Beschreibung der angebotenen Objekte und die exakte Transkription der Handschriften. Darüber hinaus publizieren wir Sammlungskataloge und erstellen individuelle Angebote zu bestimmten Themen, Epochen oder historischen Persönlichkeiten. Privatsammler im In- und Ausland sowie zahlreiche Institutionen - Akademien, Archive, Bibliotheken, Museen - gehören zu unseren Kunden. Wir helfen bei der Komplettierung von Sammlungen und beraten beim Erwerb oder Verkauf wertvoller Einzelstücke, übernehmen Auktionsaufträge, fertigen Schätzungen und Gutachten an.

Live finden Sie uns auf den wichtigsten internationalen Antiquariatsmessen sowie jedes Jahr in Stuttgart und in Frankfurt. Virtuell sind wir unter www.autographs.de, per Newsletter in den Social Media und hier unterwegs.