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23. April 2019

Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?

- Eduard Fischer von Röslerstamm -


Staub in den Regalen – wie romantisch. Bücherfreunde träumen davon, in einem kleinen verstaubten Antiquariat ganz unten in einem großen verstaubten Bücherstapel in der hinterletzten verstaubten Ecke ein wertvolles Buch zu entdecken und darin  möglicherweise eine Widmung von Goethe, einen handschriftlichen Brief von Martin Luther, oder zumindest ein paar in Vergessenheit geratene Euro-Scheine, die irgendjemand darin vor dem Finanzamt verborgen hat. Antiquare leben mit dem Staub, sie unternehmen zumindest nichts gegen ihn. Dabei warnten schon die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts: Bücherstaub gefährdet ihre Gesundheit! 

Der Autographensammler Eduard Fischer von Röslerstamm, geboren 1848 in Wien und Herausgeber der „Mittheilungen für Autographensammler“, wusste, wovon er sprach. Er besaß mehr als 15.000 Briefe und Manuskripte und war ein Vorbild für die damals „jungen“ Sammler wie Stefan Zweig und Eugen Wolbe. Im Jahr 1900 untersuchte Fischer von Röslerstamm in der “Zeitschrift für Bücherfreunde” anhand einer empirischen Analyse die Lebenserwartung von Sammlern, Bibliothekaren und Antiquaren untersuchte und stellte dabei die entscheidende Frage: „Ist der Bücherstaub dem Menschen schädlich?“ 

Wenn man diese Frage einem Arzte vorlegen wollte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, dass er sie bejahend beantworten würde, und man kann sich ausmalen, mit wie viel Aufwand von Gelehrsamkeit entwickelt werden würde, dass der Staub der Bibliotheken sich aus so und so vielen schädlichen Substanzen zusammensetze, wenn nicht gar noch ein Bücherbazillus dadurch ans Licht gebracht werden dürfte. Und doch ist meines Wissens in keinem der langatmigen Fragebogen, welche die Lebens-Versicherungs-Gesellschaften ihren Klienten vorlegen, die Frage enthalten: ob sich der zu Versichernde besonders eifrig mit Büchern beschäftige, wodurch etwa eine den Bibliothekaren z. B. die Aufnahme erschwerende „Gefahr des Berufs“ konstruiert werden könnte.

Weder Arzt noch Lebensversicherungs-Statistiker, bin ich durch meine Beschäftigung mit Autographen darauf gekommen, in der Zeitschrift für Bücherfreunde auch einmal von den Bücherfreunden zu sprechen. Als ich unlängst zahlreiche Briefe von Bibliothekaren, Bibliographen, Verlegern in meine Sammlung einordnete, überraschte es mich, dass jede einzelne Persönlichkeit, mit der ich mich gerade beschäftigte, ein Lebensalter über Siebzig oder in die Achtziger hinein erreicht hatte. Diese zufällige Beobachtung reizte mich dazu an, eingehendere Nachforschungen anzustellen. Aus dem Zettelkataloge meiner Autographensammlung und aus Hilfsbüchern stellte ich die Lebensdaten von 222 Bibliographen und Bibliothekaren zusammen und fand, dass dieser Kategorie ein Durchschnittsalter von nahe an 69 Jahren zukommt. - Von Verlegern standen mir nicht so viele Daten zu Gebote, denn nicht nur von den Ältesten, die Verleger und Drucker zugleich waren, sondern auch von den späteren Buchhändlern, bis in unser Jahrhundert herab, wissen die biographischen Lexika häufig nur das Sterbejahr, aber nicht das Geburtsjahr anzuführen. Immerhin konnte ich mir auch aus diesem Kreise 105 Namen notieren; und mit dieser Zahl in die Summe der Jahre, die die Einzelnen erreicht hatten, dividiert: gab wieder 69 und noch einen Bruchteil darüber. Weitere Nachforschungen nach dem Durchschnitts-Lebensalter auch der Antiquarbuchhändler hätten mir vermutlich nicht allzuviel genützt, da ich nur wenig Material hätte auftreiben können. Es bedarf aber wohl keines statistischen Nachweises, um uns darüber zu versichern, dass die Antiquare inmitten ihrer alten Bücher selbst alt zu werden pflegen.

Ich bemerke, dass ich jedes nur aufstossende Datum sammelte, dass bei den obigen Ziffern also nicht nur Deutsche - diese sind freilich stärker vertreten - sondern auch andere Nationen berücksichtigt worden sind. Die französischen Bibliothekare und Bibliographen, für sich allein betrachtet, würden etwas unter dem Durchschnitt bleiben; die italienischen dagegen würden ihn erheblich übersteigen.

Dass das Landleben die Menschen nicht alt werden lässt, ist längst erwiesen; den wenigen Hundert- und über Hundertjährigen, welche die ländliche Bevölkerung aufweist, stehen ja so viele Bauern gegenüber, die eines frühen Todes sterben, weil sie sich bei der anstrengenden Feldarbeit, oder Förster, die sich bei einem Pirschgange oder bei einer Inspizierung der Holzarbeiter erkältet haben. Im allgemeinen gilt sogar, dass die Städter etwas länger leben als die Landbewohner, dass eben die bemittelten, gebildeten Stände in der Stadt es auf ein erheblich höheres Alter bringen als die den Unbilden und Schwankungen der Witterung mehr sich aussetzenden Einwohner des flachen Landes.

Unter den besser situierten Städtern zeichnen sich wieder besonders die Gelehrten durch Langlebigkeit aus. Die Statistiken wissen dies schon lange, - ich konnte mir aber bei ihnen keinen Rat holen, da sie gewiss nicht die Kategorien „Bibliographen“, „Bibliothekare“ unterscheiden, sondern, wenn sie nicht nur nach Gymnasiallehrern, Universitätsprofessoren, Privatgelehrten und dgl. klassifizieren, sondern auch Unterabteilungen, wie „Historiker“, „Philologen“ etc. aufstellen, die hauptsächlich mit Büchern beschäftigten Menschen ihrer Spezialwissenschaft, besonders den zwei genannten Disziplinen, zuweisen, und von Bibliophilen erst recht nichts wissen, da sie nur Berufe, aber nicht Liebhabereien verzeichnen. So musste ich denn, um meine den Büchern zugedachte Lebenserhaltungskraft nachzuweisen, mich noch überzeugen, ob nicht den Gelehrten überhaupt dasselbe Durchschnittsalter zukäme, wie den Bibliothekaren etc. Ich nahm mir zu diesem Zwecke in dem sehr handlichen Lexikon von Beeck (das leider keine neue Auflage erlebt hat), da ich doch nicht das ganze Alphabet durcharbeiten konnte, den Buchstaben „M“ vor, der mir bei allen Nationen ziemlich gleichmässig vertreten zu sein scheint, und zog die Gelehrten heraus. Meine Methode ist gewiss kaum über alle Anfechtungen erhaben, aber obwohl wenig Material vorhanden war, ergaben sich doch Resultate, die meine allerdings vorgefasste Meinung glänzend bestätigten.

Unter den ca. 230 Persönlichkeiten mit dem Buchstaben „M“ - Verschiedene, die sich in mehreren Disziplinen ausgezeichnet haben, mussten doppelt oder mehrfach gezählt werden - wurden von mir 13 (ausschliesslich oder zugleich mit anderen Fächern) der Bibliotheks-Branche resp. den Bibliographen zugezählt; für sie ergiebt sich ein Durchschnittsalter von 74 Jahren. - Nun beachtet die Stufenreihe! Den reinen Büchermenschen mit einem Durchschnittsalter von 74 stehen am nächsten die Litterarhistoriker mit 71 Jahren, welche etwa 40 Prozent der Bibliothekare und Bibliographen liefern. Nächst ihnen rangieren die Philologen im engeren Sinne, die etwa 30 Prozent stellen, mit 69 Jahren; und um so tiefer, als das von mir ermittelte Durchschnittsalter der verschiedenen Gelehrten sinkt, desto geringer wird ihre Beteiligung an den rein bibliothekarischen und bibliographischen Arbeiten und desto weniger sind die einzelnen Fachgelehrten darauf angewiesen, die vorhandene Litteratur für ihre wissenschaftliche Arbeit zu benützen.

Es kann mir natürlich nicht einfallen, den Büchern und der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen einen fördernden Einfluss auf die Lebensdauer zuzuschreiben. Die geregelte Lebensweise des viel über seinen Büchern Sitzenden, die Gemütsruhe, die in seiner Brust waltet, das Abgelenktsein von Störungen von ausserhalb, von Aufregungen, welche die Politik mit sich bringt: das Alles verlängert den .Bücherfreunden das Leben; aber dass den Büchern und dem Bibliothekenstaub eine absolut schädliche Wirkung auf die Gesundheit und Lebensdauer des Menschen nicht nachgewiesen werden kann, dürfte aus meiner Statistik denn doch wohl hervorgehen.

Die Buchhändler resp. Verleger mit anderen kaufmännischen oder industriellen Unternehmern auf ihr Durchschnittsalter zu vergleichen, ist unmöglich, da die grossen Kaufleute und Industriellen - von Krämern und Handwerkern von vornherein abgesehen - in den biographischen Lexicis zu dünn gesäet sind; doch ist es wohl auch nicht nötig. Unsere reichen Handels- und Fabrikherrn, die sich pflegen können und die geschicktesten Ärzte und die heilkräftigsten Bäder zur Verfügung haben, um ihre wankende Gesundheit zu befestigen, stellen gewiss auch ein stattliches Kontingent zu der Zahl der Langlebigen, welche die Städte begünstigter erscheinen lassen dem Lande gegenüber. Aber die Leipziger Buchhändlerbörse bringt ihren Interessenten keine Aufregungen und Beängstigungen, wie die Schwankungen ihrer Namenskolleginnen auf dem Fonds- und Effekten-, auf dem Getreide- und Eisenmarkt deren Affilierten bereiten; und deshalb ist es gewiss kein Zufall, dass ich bei Denjenigen, die sich mit „zu lesenden“ Büchern beschäftigen, beinahe dasselbe hohe Durchschnittsalter antraf als bei Denjenigen konstatiert werden konnte, die „schon gelesene“ Bücher oder wenigstens solche, die schon längst hätten gelesen werden können, gewöhnlich in Händen haben.

Ich will noch anführen, dass ich meine aus dem Buchstaben „M“ genommenen Resultate in einem Falle, der die exakten Wissenschaften betrifft, übergreifen zu sollen glaubte. Da die einzigen zwei Neunziger, die Beeck unter den mit „M“ anfangenden Gelehrtennamen anführt, beide Astronomen sind (J. J. de Mairan und Cl. L. Mathieu), glaubte ich zu einer zu hohen Durchschnittsziffer für diese Kategorie gelangt zu sein. Ich schaffte mir deshalb aus dem Buchstaben B bei Beeck ein dreifach grösseres „Beobachtungsmaterial“, und in der That wurde das Durchschnittsalter der Astronomen, Mathematiker, Physiker, Chemiker nunmehr von 67 auf 66 Jahre herabgedrückt, was dem Verhältnisse, das zwischen diesen Gelehrten und alten Büchern besteht, besser entsprechen dürfte. Wenn es unter den Lesern dieses Aufsatzes besonders aufmerksame giebt, die sich mit mir darüber gewundert haben, dass die exakten Wissenschaften so hoch rangierten, so erfahren sie jetzt, an welcher Zufälligkeit das gelegen hat.

Natürlich verhehle ich mir durchaus nicht, dass meine Zahlen keinen „absoluten“ Wert besitzen, da in die biographischen Lexika und in die Autographensammlungen hauptsächlich diejenigen eindringen, welche lang genug lebten, um in ihrem Fache sich einen Namen zu erringen; da ferner weiter zu beachten ist, dass die eigentlichen Wissenschaften oft schon jungen Männern den Lorbeerkranz reichen, der ihnen auch durch einen frühen Tod nicht mehr entrissen wird, während in der Bibliographie gewöhnlich nur Jahrzehnte mühevoller Forschung einen lohnenden Erfolg gewähren. Das könnte ja immerhin einen einseitigen Einfluss auf meine Zahlen ausgeübt haben, aber ich bemerke denn doch, dass die Lebensdaten von Bibliothekaren gewöhnlich nicht verzeichnet werden, wenn die Betreffenden sich nicht in einem wissenschaftlichen Fache ausgezeichnet haben. Ich habe diese Bibliothekare also auch bei ihren eigentlichen Disziplinen noch berücksichtigt und dadurch das Durchschnittsalter vieler Kategorien verstärkt. Andrerseits wurden unter den Bibliographen von mir doch auch manche verzeichnet, welchen keine lange Arbeitszeit - ich erinnere nur an Hain - vergönnt war. Als Amanuensis o. dgl. sterben aber gewiss nicht mehr junge Gelehrte, als der Tod auch beispielsweise unter den Privatdozenten dahinrafft. Also „relativen“ Wert haben meine Zahlen gewiss, und dieser wird ihnen von den Lesern nicht aberkannt werden. Und so nehme ich von ihnen Abschied mit dem Wunsche, dass die jungen Bücherfreunde recht alt und die alten noch älter werden mögen.


Erstmals erschienen in “Zeitschrift für Bücherfreunde” (1900).

5. Februar 2019

Letters of Note - gelesen im Prinzregententheater



Letters of Note ist eine mittlerweile mehrbändige Sammlung der unterhaltsamsten, inspirierendsten und ungewöhnlichsten Briefe der Weltgeschichte, zusammengetragen von Shaun Usher, der seine Sammlung jede Woche in seinem Blog www.lettersofnote.com ergänzt. 

Wer mehr darüber erfahren möchte, geht am besten erst gar nicht ins Internet, sondern am 3. März um 11 Uhr ins Münchener Prinzregententheater. Dort lesen Anke Engelke und Devid Striesow im Duett aus den schönsten "Letters of Note". "Sie nehmen ihr Publikum mit ergreifenden Liebesgeständnissen, hochkomischer Korrespondenz und skurrilen Schriftstücken mit auf eine heterogene Reise durch die Mentalitätsgeschichte und durch zahlreiche Facetten menschlichen Empfindens", heißt es im Programm. Gelesen wir u.a. aus Richard Burtons Abschiedsbrief an Elisabeth Taylor, dem anrührenden Protestbrief von Marge Simpson an die frühere First Lady Barbara Bush, Nick Caves Antwort auf seinen MTV Award oder Virginia Woolfs Abschiedsbrief an ihren Ehemann.

54 Euro Eintritt, an einem Sonntagmorgen im wunderbaren Prinzregententheater, das über 1000 Zuschauer beherbergen kann? Sind die Zeiten, in den wir Autographenhändlerinnen eine kleine, aber feine und sehr gebildete Randgruppe bedienten, vorüber?

Hingehen!

More Letters of Note
Anke Engelke und Devid Striesow, am 3. März um 11 Uhr im Prinzregententheater in München


Weitere Informationen im Netz.

19. Dezember 2018

"Ihr Angebot beglückt stets köstlich"

Herzlichen Dank an Alexander Rauch für die Zusendung dieses wunderbaren Gedichtes:

Ihr Angebot beglückt stets köstlich,
die Briefe, östlich oder westlich,
und erst die vielen Autografen,
die jeden Grafen lügenstrafen,
der schrieb, als es noch kein Auto gab,
und dennoch Auto-Graf sich nennt.
Die Namen, die man weltweit kennt
sie liegen meist schon längst im Grab.
Ihr Geist jedoch, der geistert rum
noch immer bei dem Publikum,
das sammelt, selbst kaum weiß, warum.

Doch wer solch graues, altes Blatt
in den noch jüngern Händen hat,
das Goethe, Mozart, Meyerbeer
manch Künstler - oder sonst noch wer -
dereinst mit Herzensblut beschrieben,
der riecht am Duft der welken Blätter,
schließt die Augen, denkt, als hätt er
diesen Großen selbst beglückt
ehrfurchtsvoll die Hand gedrückt.

24. September 2018

Kleider machen Autographen

"Während seines Aufenthalts in Hiddensee schrieb Hauptmann an seinen Berliner Schneider und bat ihn, zwei bestellte Anzüge bis zu einem bestimmten Termin zur Anprobe fertig zu machen. Der biedere Handwerksmeister antwortete nicht. Hauptmann, in Sorge, der Brief möchte verlorengegangen sein, schrieb ein zweites Mal und liess, als der Schneider immer noch nichts von sich hören liess, noch ein drittes Schreiben vom Stapel. Auf der Rückreise betrat er mit etlichen Zornesfalten auf der Stirn das Atelier Meister Zwirns, schlug auf den Tisch und begehrte zu wissen, weshalb man seine wiederholten Anfragen nicht einmal einer Antwort für wert halte. Der Schneider senkte verlegen den Kopf:

'Je öfter Sie mir schreiben, um so besser. Andere Leute sammeln Briefmarken', sagte er, 'und ich sammle Ihre Briefe. Es ist alles zur Anprobe bereit, aber sehen Sie: An Ihren Briefen verdiene ich weit mehr als an den beiden Anzügen!'"



Karl Rauch, Heiteres aus der Welt des Buches. Stuttgart undZürich 1962, S. 44.

24. Juli 2018

Analoge Autographen - online bestellen

- von Barbara van Benthem -



Über 5000 seltene Briefe und Manuskripte berühmter Persönlichkeiten sowie zahlreiche preiswerte Sonderangebote, ab sofort in unserem ONLINE-SHOP.

Wir danken dem Weltanschauungsobjekt, der Grille und vor allem Karsten Gnettner und dem Trio Nautico für die wunderbare Musik zum Video.

20. Juni 2018

Mit Goethe gegen das Ende der Tinte

- von Eberhard Köstler -

„Das Ende der Tinte. Das Schreiben mit Stift auf Papier ist eine sterbende Kulturtechnik“, lautete die Überschrift eines Leitartikels von Katrin Blawat in der 'Süddeutschen Zeitung' vom 10. März 2018 (Nr. 58, S. 40). Dort heißt es: „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags.“ Bei so viel Endzeitpoesie tut es gut, einen Blick zurück zu tun, also in jene gar nicht so graue Vorzeit, als die Handschrift nicht vom Aussterben bedroht, sondern das hauptsächliche Kommunikationsinstrument der gebildeten Welt war.

Seit der Zeit des Humanismus haben sich Menschen bemüht, eine zu ihrem Wesen passende unverwechselbare Handschrift zu entwickeln, um für ihre Gedanken ein adäquates Ausdrucksmittel jederzeit 'zur Hand' zu haben. Der Empfänger von Briefen und Manuskripten konnte so noch vor der Lektüre auf den ersten Blick erkennen, von wem er da angesprochen wurde. Der unverwechselbare persönliche Eindruck, den ein handgeschriebenes Blatt ausstrahlt, bewegt bis heute den Sammler von historischen und zeitgenössischen Handschriften. Das gilt auch und besonders für den prominenten Autographensammler Goethe, aus dessen wohlgeordneter und geliebter Sammlung das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv und das Frankfurter Goethe-Museum in den Jahren 2015 und 2016 eine ansprechende Ausstellungsreihe gestalteten. Zu den einzelnen Ausstellungen erschienen keine Kataloge; umso schöner ist es, dass die gesammelten Texte zu den Exponaten zusammen mit deren hochwertigen farbigen Reproduktionen nun gesammelt als Buch vorliegen.


Die Maximilian-Gesellschaft und der Wallstein Verlag haben für eine mustergültige Gestaltung durch Claudia Rupp Sorge getragen. Auf gegenüberliegenden Seiten werden 60 ausgewählte Briefe und Manuskripte in erläuternden Texten und Abbildungen vorgestellt. Sie sind durch ein Personenregister mit knappen biographischen Angaben erschlossen; ein beiliegendes Heft (52 S.) gibt die Texte der Autographen vollständig und so weit als möglich zeichengenau wieder. Das Buch eignet sich dadurch auch als Übungslektüre zum Erlernen älterer Schriftformen. Der einleitende Text von Bernhard Fischer gibt eine instruktive Einführung in die Geschichte des Autographensammelns und der Stammbuchmode bis hin zur Geschichte, Methodik und zum Aufbau von Goethes eigener Sammlung. Zwar hat Hans-Joachim Schreckenbach bereits 1961 einen „in Teilen überholten“ Katalog von Goethes Autographensammlung herausgebracht und Günther Mecklenburg hat 1963 die Sammlung in seinem Standardwerk 'Vom Autographensammeln' eingehend anhand von Briefen und Gesprächen Goethes dargestellt. Aber worauf kam es Goethe an? 1812 schrieb er an Fritz Jacobi: „Da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt.“ Dem Leser und Betrachter des Buches 'Aus Goethes Autographensammlung' wird diese magische Weise der Vergegenwärtigung mit jedem Stück vor Augen geführt. Das kann nur durch das Sammeln und Besitzen von Originalhandschriften noch übertroffen werden. Wer weiß, vielleicht regt das Buch manchen Leser an, sich als Autographensammler in Goethes Tradition zu stellen und das 'Ende der Tinte' so noch hinauszuschieben?

Aus Goethes Autographensammlung. Hrsg. vom Goethe- und Schiller-Archiv und vom Freien Deutschen Hochstift. Hamburg: Maximilian-Gesellschaft / Göttingen: Wallstein 2017. 172 S., Abb., geb., 58 Euro, ISBN 978-3-921743-66-9 (Maximilian-Gesellschaft) und 978-3-8353-3106-8 (Wallstein)

Veröffentlicht in → Aus dem Antiquariat 2/2018

23. Mai 2018

Die Welt von Gottfried Benn

- von Barbara van Benthem - 


Briefe sind etwas Besonderes. Sie offenbaren die Persönlichkeit ihres Schreibers, öffnen ein historisches Fenster in dessen Lebens-, Arbeits-, Gefühls- und Gedankenwelt. Wer wissen möchte, ob Hermann Hesse gute oder schlechte Laune hatte, lese seine Briefe. Kann man sie kaum entziffern, klagt Hesse über den mäßigen Zustand seiner Augen, lautet der Subtext: Man bittet von Besuchen und allen weiteren mitmenschlichen Zudringlichkeiten abzusehen. Die Briefe Thomas Manns werden in zunehmendem Alter leserlicher. Als ob er sich seiner Bedeutung für die Nachwelt mit wachsendem Ruhm bewusst wird, wechselt TM von der deutschen Kurrent- in die lateinische Schreibschrift, und lässt uns teilhaben am Dichteralltag.

Die Welt von Gottfried Benn zwischen „Sputnik“, „Erdumkreisung“ und „Cro Magnon“ erschließt sich in unserem neuen Katalog nicht nur über die Briefe und Manuskripte des Dichters, vielmehr sind es die Briefe von FreundInnen und Weggefährten, die überraschende Erinnerungen und Einschätzungen zu Leben, Werk und Umfeld – ja, auch zu den Frauen in seinem Leben – geben. Da wird Benns dritte Ehefrau Ilse vor der gemeinsamen Berliner Haustür wegretuschiert. „"Er litt entsetzlich unter der Dänin", berichtet Elsa Fleischmann-Fleming. Dorothee Hahn diagnostiziert Benns Annäherungsversuche als "weiblich-passiv-aesthetische Reizung und männlich-lyrisch-aktive Reaktion". Trug Benn eine Mitschuld am Selbstmord von Anni Bernstein? Was verband ihn mit Pia Ludwig? „Herr Oelze“ findet Benn-Gedichte, und Paul Lüth weiß: "diese Benn'sche Welt ist die Welt des Rauschgiftes“.

Ein brieflicher Kosmos tut sich auf, so wie man ihn heute wohl nur in Form kryptischer Kurznachrichten in einer WhatsApp-Gruppe finden würde. Möglich gemacht hat dies Marguerite Schlüter, Benns Lektorin und Verlegerin, Herausgeberin seiner Briefe und Briefwechsel, die Instanz in Sachen Gottfried Benn, der Carsten Pfeiffer ein Denkmal mit dem Nachwort zu unserem Katalog gesetzt hat.

Femme des lettres - Marguerite Schlüter 1928 bis 2018


Marguerite Valerie Schlüter, geboren am 23. April 1928, war eine in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte, wenn nicht gar einzigartige Persönlichkeit. In jungen Jahren vertrat sie als Mitglied der Hockey-Nationalmannschaft mehrfach die Bundesrepublik bei Länderspielen. Eine zweite Leidenschaft galt  der bildenden Kunst wie intensive Kontakte zu Künstlern sowie ihre bedeutende private Sammlung mit Werken von der  Antike bis zur zeitgenössischen Graphik von Arp, Masson,  Max Peiffer-Watenpuhl, Hans Purrmann, Emil Cimiotti u.a.  belegen. Ihre größte Leidenschaft aber galt der Literatur.  Entdeckt und gefördert hat ihr Talent Max Niedermayer.  Literaturhistorische Bedeutung gewann die mit Bestnote ausgebildete  Diplom-Bibliothekarin mit ihrem Eintritt in den  1945 von Niedermayer in Wiesbaden gegründeten Limes Verlag.  Dort avancierte sie seit 1949 schnell zur rechten Hand des  Verlegers, zur Prokuristin und alleinigen Lektorin Gottfried  Benns. Hatte der Limes Verlag in den ersten Nachkriegsjahren  wie viele andere Verlage zunächst „unkritische“ und im Sinne  der lizenzgebenden Besatzungsmächte politisch unbedenkliche  Autoren wie Goethe, Kant, Heine oder Wieland und wichtige  ausländische Autoren wie William Faulkner, John Steinbeck,  Virginia Woolf, Jean Giraudoux, Rimbaud und Jean Cocteau  verlegt, erschienen nun rasch auch Texte von Hermann Kesten,  Ernst Glaeser, Alfred Döblin, des jungen Hans Mayer, von  Stephan Hermlin und anderen. Seit 1949 wurde Gottfried Benn  zum Haus- und Hauptautor des Limes Verlages. Alle (Erst-)  Ausgaben der von Benn zwischen 1933 und 1945 geschriebenen,  aber unveröffentlichten Werke wurden von Marguerite  Schlüter lektoriert, viele Werk- und Auswahlausgaben, die  Briefwechsel Benns (erschienen bei Limes und später Klett-  Cotta) von ihr mitkonzipiert, kompiliert, redigiert oder herausgegeben.  Die Popularisierung und Verbreitung des Werkes  Gottfried Benns nach 1949 ist im Wesentlichen das Verdienst  des Verlegers Max Niedermayer und seiner Lektorin Marguerite  Schlüter, die nach dem Tode des Verlegers die Verantwortung  für den Verlag als geschäftsführende Gesellschafterin  und Verlegerin übernahm.

Viele wichtige Autorinnen und Autoren trugen unter der  Ägide Marguerite Schlüters zur Profilbildung des Limes Verlages  als eines der führenden Verlage für junge deutsche und  fremdsprachige Literatur bei. So unterschiedliche Autoren wie  Hans Arp, Max Bense, Ludwig Harig, Samuel Beckett, Maude  Hutchins, Guillaume Apollinaire, Claire und Ivan Goll, Jorge  Luis Borges, Jean Cocteau, Rene Char , Ernesto Sabato,  Richard Huelsenbeck, W. H. Auden, Milan Kundera und  Ernst Meister gehören ebenso zum „Who is who“ des Limes  Verlages wie Peter Rühmkorf, Werner Riegel oder Cyrus Atabay,  die dort ihre Erstlingswerke veröffentlichten. Werke von  Carl Einstein und August Stramm wurden neu aufgelegt.  Besondere Verdienste erwarb sich der Limes Verlag um die  damals zeitgenössische amerikanische Literatur. Truman  Capote, den Marguerite Schlüter teilweise auch übersetzte, und  William S. Burroughs wurden zu Hausautoren des Verlages.  Autoren der Beat-Generation wie Allen Ginsberg oder  Lawrence Ferlinghetti wurden bei Limes entdeckt. Henry Miller  allerdings ließ sich Limes damals „durch die Lappen gehen“.  Man hatte nach den Erfahrungen mit W. S. Burroughs  große Sorgen wegen eines Vermarktungsverbotes durch die  „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“. Eine Anekdote,  die Marguerite Schlüter gerne erzählte.

Marguerite Schlüter war wahrlich das, was man eine femme  des lettres nennt – nicht nur eine hervorragende Lektorin  Benns, sondern ein literarisches „Trüffelschwein“, eine streitbare  Kämpferin für die Wahrung von Urheberrechten und eine  vielsprachige, hervorragende Übersetzerin aus dem Englischen,  Französischen und Italienischen. Dabei war sie nicht nur eine  Freundin der Literatur, sondern auch eine enge Freundin vieler  Literaten. Die langjährigen persönlichen (Brief-) Freundschaften  - oft rund um Benn - mit Claire Goll, Gustav René Hocke,  Albrecht Fabri, F.W. Oelze, Thea Sternheim, Ursula Haas,  Hans Egon Holthusen, nicht zuletzt mit Ilse Benn und Nele  Sörensen, der Witwe und der Tochter Gottfried Benns, belegen  dies eindrücklich.  Marguerite Schlüter ist am 7. Januar 2018 wenige Monate vor  Vollendung ihres 90. Lebensjahres friedlich verstorben. Sie ist  und bleibt untrennbar mit der bundesdeutschen Literatur- und  Verlagsgeschichte verbunden.

Die Welt von Gottfried Benn - Nachlass Marguerite Schlüter. Katalog 178. Tutzing, Mai 2018. 68 Seiten. 173 Nummern. Mit einem Nachwort von Carsten Pfeiffer.

Mehr dazu: www.autographs.de